Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/354

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Berechnung der Gewölbe.

Die Berechnung der Gewölbe ist durch viele, gediegene wissenschaftliche Arbeiten gefördert; die Weite der Gewölbe ist neuerdings bis auf 90 Meter vergrößert. Es ist aber sicher möglich, eine Weite von mehr als 100 Metern mit den theoretischen und praktischen Hilfsmitteln der Gegenwart zu überwölben.

Berechnung der Fachwerksträger.

Die Berechnung der Fachwerksträger, d. h. der aus einzelnen Stäben zusammengesetzten Träger, war im Jahre 1888 schon auf bedeutender Höhe; aber auch auf diesem überaus wichtigen Gebiete des Brückenbaues sind seit jener Zeit bedeutende, wissenschaftliche Erfolge zu verzeichnen: die Kenntnis der Nebenspannungen wurde durch die Arbeiten von Engesser, Müller-Breslau, Landsberg, Mohr, Zimmermann und anderer wesentlich gefördert. Die bei den sogenannten offenen oder Trogbrücken auftretenden überaus gefährlichen Kräfte, welche so manchen Brückeneinsturz verschuldet haben, wurden in vorbildlicher Weise wissenschaftlich behandelt, zuerst von Engesser, später von Dr. Zimmermann. Dieser letztere hat die überaus schwierige Aufgabe des geraden Stabes und des Stabecks auf elastischen Einzelstützen in einer Anzahl von Abhandlungen der Kgl. Akademie der Wissenschaften in Berlin vorgeführt und damit eine glänzende wissenschaftliche Leistung vollbracht[1]. Ferner hat Müller-Breslau in seinem Werk: Die graphische Statik der Baukonstruktionen diese Aufgabe gelöst (Sicherung der oberen Gürtung einer Trogbrücke durch biegungsfeste Halbrahmen).

Neue Aufgaben durch den Eisenbeton.

Auch ganz neue Aufgaben traten in dem abgelaufenen Vierteljahrhundert an die deutschen Ingenieure heran, vor allem diejenigen, welche aus dem Auftreten des Eisenbetons hervorgingen. Der Eisenbeton ist ein neuer Baustoff, der sich freilich aus lange bekannten Einzelbaustoffen zusammensetzt, aber dennoch in seinen Eigenschaften etwas Neues bedeutet. Diese Eigenschaften galt es zu klären und die ermittelten Gesetze in mathematische Form zu kleiden, so daß der ausführende Ingenieur die Berechnung leicht vornehmen kann. An diesen wissenschaftlichen Arbeiten hat sich neben fremdländischen Forschern eine Reihe deutscher Ingenieure beteiligt: die Grundlage der heute geltenden Berechnungsverfahren ist von Koenen angegeben. Von weiteren verdienten Forschern sind zu nennen: Möller (Braunschweig), Morsch, Emperger, Förster, Probst u.a. Die Arbeiten auf diesem Gebiete sind Legion, eine Anzahl von Zeitschriften pflegt die Eisenbetonbaukunst, natürlich auch ihren wissenschaftlichen Teil.

In engem Zusammenhange mit der Eisenbetonbauweise steht eine neuerdings in den Vordergrund getretene Konstruktion: der Fachwerkträger mit diagonallosen Feldern. Nach seinem Erfinder und rastlosem Befürworter wird der Träger auch als „Vierendeelträger“ bezeichnet; nach der Anordnung als „Rahmenträger“. Die erste Berechnung solcher Träger hat Engesser in seinem 1893 erschienenen Buche: Die Zusatzkräfte und


  1. Veröffentlichungen: Die Knickfestigkeit eines Stabes mit elastischer Querstützung. Berlin 1906. Die Knickfestigkeit der Druckgurte offener Brücken. Berlin 1910.
Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1483. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/354&oldid=- (Version vom 31.7.2018)