Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/372

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Wasserbauliche Kunstbauten.

Soweit es sich um die Herstellung wasserbaulicher Kunstbauten, wie Schleusen, Schiffshebewerke, Wehre, Talsperren und Hochbehälter handelte, hat der im Wasserbau tätige Ingenieur von den Fortschritten Nutzen gezogen, welche die Baustoff- und Festigkeitslehre sowie der Maschinenbau in den letzten Jahrzehnten aufzuweisen hatten. Er hat auch selbst an diesen Fortschritten mitgearbeitet, namentlich bei der Erforschung der zweckmäßigen Zusammensetzung und der Eigenschaften der Mörtelstoffe und des Betons, der im Wasserbau immer mehr an die Stelle des Mauerwerks trat, und bei der Untersuchung des Verhaltens großer geschlossener Mauerwerks- oder Betonmassen, wie sie in den Talsperren vorkommen. Dem neuen Baustoff Eisenbeton, der in so zweckmäßiger Weise die Druckfestigkeit des Betons mit der Zugfestigkeit des Eisens zur vereinten Wirkung bringt und zugleich das Eisen der Rostgefahr entzieht, hat der Wasserbau ein weites Anwendungsgebiet erschlossen. Der Fortschritt des Maschinenbaues kam den Verschlußteilen von Wehren und Schleusen, sowie den Wasserkraftwerken und den Wasserversorgungsanlagen zugute. In dem Schiffshebewerk von Henrichenburg, das große Kähne mit ihrer Ladung spielend 14 m hoch emporhebt und in den großen beweglichen Wehren, wie sie z.  B. am Oberrhein erbaut worden sind, wurden maschinelle Anlagen von seltener Großartigkeit geschaffen.

Fluß- und Seebau.

Ist der Ingenieur heute bei dem Entwurf der wasserbaulichen Kunstbauten zu der gleichen sicheren Beherrschung des Baustoffes und des Spieles der Kräfte gelangt, wie bei den Bauwerken auf anderen Gebieten des Ingenieurwesens, indem er die angreifenden Kräfte rechnerisch genau bestimmen kann und die Eigenschaften der Baustoffe mit ausreichender Zuverlässigkeit kennt, so fehlt ihm auf anderen Gebieten des Wasserbaues, bei denen er es mit den Angriffen des bewegten Wassers und dem Widerstand des Bodens zu tun hat, die gleiche Sicherheit. Namentlich im Fluß- und Seebau versagen die Mittel für ein scharfes rechnerisches Verfahren, weil die Erscheinungen des Wasserabflusses, der Gezeiten und der Wellenbildung, sowie der Sinkstoffbewegung und der Gestaltung der Flußbetten und des Meeresbodens noch nicht theoretisch genügend klar gelegt werden konnten. Infolgedessen ist es heute noch nicht möglich, die auf das Bett und die Einbauten wirkenden Kräfte mit genügender Schärfe rechnerisch zu bestimmen. Auch entziehen sich die im Fluß- und Seebau vielfach zur Anwendung kommenden Baukörper aus Buschwerk und losen Steinen einer so sicheren statischen Untersuchung, wie sie bei anderen Baustoffen mit einem dichteren und gleichmäßigeren Gefüge möglich ist. Der Ingenieur ist daher im Fluß- und Seebau hauptsächlich auf Beobachtungen und Erfahrungen angewiesen. Bahnbrechende Praktiker wie Eytelwein, Tulla, Hagen und Franzius haben neben ausländischen Ingenieuren dem deutschen Wasserbau den Weg gewiesen, der unter den so schwierigen und so außerordentlich mannigfaltigen Verhältnissen im Fluß- und Seebau zum Ziele führt. Ihre Untersuchungen und Vorschläge bilden auch heute noch vielfach die Grundlage für den Fluß- und Seebau,

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1501. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/372&oldid=- (Version vom 9.6.2021)