Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/388

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außerhalb des Kraftwerks, änderte sich das Bild ebenfalls durchaus: die Länder werden heute von Leitungen durchzogen, wie man sie im Jahre 1888 überhaupt nicht, und auch noch lange Zeit darauf nur in bescheidensten Abbildern in den Freileitungsnetzen kleiner Ortschaften kannte. Eiserne Leitungsmaste von 16, ja 20 und 30 m Höhe sind nichts ungewöhnliches; bei Flußüberkreuzungen kann man – an der Ems und der Trave – Türme von 73 m Höhe bewundern. Der Mastabstand wurde von rund 40 m auf 120 bis 180 m vergrößert. Solchen Leistungen mußte eine gründliche Durchbildung der Berechnungsmethoden auf Durchhang und über die Standsicherheit der Mäste vorausgehen. In oder in der Nähe der Ortschaften begegnet man Unterstationen, in denen der Wechselstrom in Gleichstrom umgeformt wird, oder Transformatorenhäusern, welche die hohe Spannung auf die niedrigere Gebrauchsspannung umsetzen oder auf eine Mittelspannung, in der die Energie auf einen beschränkten Bezirk verteilt wird, um dann erst durch Transformatoren zweiter Ordnung auf die Gebrauchsspannung gebracht zu werden.

Deutschland ist in dieser Entwicklung der Überlandwerke allen anderen europäischen Ländern weit voraus. Es wird nicht lange dauern, bis alle deutschen Länder von Hochspannungsnetzen überzogen und auch die kleinsten Ortschaften mit elektrischer Energie versorgt sind.

Eine natürliche Folge der ungeheuren Fortschritte auf dem Gebiete der elektrischen Energieübertragung war, daß man mehr und mehr dazu überging, die Kraftwerke am Orte der natürlichen Energiequellen zu errichten, in Flußläufen und später auch an Kohlengruben. Wurde es doch bald viel billiger die Energie in elektrischer Form als an die Kohle gebunden zu transportieren, so viel billiger, daß auch minderwertige Brennstoffe, wie Braunkohle und in den letzten Jahren sogar Torf wieder erheblich an Wert gewannen. Für den Torf schien lange Zeit überhaupt keine Verwendung in größerem Umfange mehr möglich zu sein. Das war um so schmerzlicher, als damit die Hoffnung fallen mußte, die Torfmoore kultivieren zu können. Heute wird eins der größten preußischen Moore, das Wiesmoor in Ostfriesland, durch ein mitten im Moore arbeitendes von den Siemens-Schuckert-Werken erbautes Elektrizitätswerk ausgebeutet und mit der aus dem Torf gewonnenen elektrischen Energie kultiviert; andere Moore sollen folgen. Dieses große Kulturwerk des preußischen Staates wäre sicherlich nicht so bald in Angriff genommen worden, wenn nicht Kaiser Wilhelm persönlich dafür eingetreten wäre.

Die ungeheure Entwicklung der elektrischen Anlagen hat erheblich dazu beigetragen, daß heute technisch-wirtschaftliche Probleme gründlich behandelt werden und dem technischen Nachwuchs mehr und mehr eine daraufhin gerichtete Ausbildung zuteil wird.

Schwachstromtechnik.

Es bleibt noch übrig, einen Blick auf dasjenige Gebiet der Elektrotechnik zu werfen, das die elektrische Zeichen- und Nachrichtenübertragung umfaßt und seit 1891 gewöhnlich mit dem Namen Schwachstromtechnik bezeichnet wird. Für die Telegraphie sind die auf die bessere Ausnutzung der Leitungen gerichteten Bestrebungen, insbesondere die Erfindung von Apparaten, die die Telegraphiergeschwindigkeit vergrößert haben, bemerkenswert. Am

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1517. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/388&oldid=- (Version vom 20.8.2021)