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Internationalismus.

So warf man sich–wie es überhaupt der Bewegung an Geschlossenheit fehlte–Franzosen und Russen (Dostojewski und Tolstoi) und Norwegern (Ibsen) und Schweden (Strindberg) in die Arme, um bei ihnen Gesellschaftskritik und Elenddarstellung zu lernen. Auf solchem Sumpfboden erwuchsen Romane wie „Die Betrogenen“, „Die Verkommenen“ (Kretzer), „Das Leben auf der Walze“ (Kirchbach), „Fallobst“ (Tovote), „Adam Mensch“ (Conradi), „Stiefkinder der Gesellschaft“, „Die am Wege sterben“ (Land), „Schlechte Gesellschaft“ (Bleibtreu). Kunstwerke waren diese zumeist ins unermeßlich Breite ausschweifenden Erzählungen nicht; der ungemein bewegliche, immer in Fieberhitze der „Revolution der Literatur“ glühende Bleibtreu brachte den „Größenwahn“ sogar auf 1200 Seiten; Kneipe, Spelunke und Kaffeehaus sind Ort der Handlung bzw. des langsamen Verfalles. Denn die Décadence ist der wesentliche Gegenstand, und sie beherrschte in mannigfachen Verästelungen, wie Neurasthenie, Blasiertheit, pathologischer Überreiztheit, auch viele Gemüter der ganzen Zeit. Die „furchtbar schönen und gefährlichen Zeitprobleme“ und „Schrankenbrüche“ waren M. G. Conrad eine Wonne, und er lugte sehnsüchtig nach „zukunftträchtigen Genialitäten“ aus. Zola war für ihn wie für Max Kretzer das Ideal; dieser stellte in „Meister Timpe“ (1888) die Vernichtung des Handwerks durch die Industrie, den Haß der Enterbten wider das Kapital, kurz das ganze Proletarierelend erschütternd dar; die scharfe Beobachtung des einzelnen, genaue, lückenlose Wiedergabe der Sinneseindrücke und der Seelenmartern ward angestrebt, wie Herm. Heiberg sie in „Apotheker Heinrich“ und in Erzählungen erreichte, die den Dämon Weib in dem blutsaugerischen, spinnen- und vampyrhaften Wesen, oft peinlich verzerrt, oft wunderbar helläugig gesehen, darstellen.

Der konsequente Naturalismus im Drama.

Auf der Bühne bedeutete die Aufführung der „Quitzows“ (1888) von Wildenbruch ein Ereignis: diesen hatte studentische Jugend zu Anfang der 80er Jahre auf den Schild erhoben, und in dem Hohenzollerndrama gab er ein treues Bild von Zeit und Volk jener fernen Zeit; wollte er mit der Strömung schwimmend soziale Bilder der Gegenwart bieten, so ergab sich ein unerquicklicher Widerstreit zwischen aufgepeitschtem Pathos und dem Mangel an Gestaltungskraft; Bleibendes leistete Wildenbruch in kleineren Erzählungen voll Farbenfrische und Seelenkunde. Den „konsequenten Naturalismus“ mit jener photo- und phonographischen Treue, die wie ein Sekundenzeiger der Handlung folgt, setzten der vielgewandte Arno Holz und der weit echter und tiefer veranlagte Joh. Schlaf in Szene; ihre Novellensammlung „Papa Hamlet“ begeisterte einen jungen Schlesier, Gerhart Hauptmann, so sehr, daß er ihnen huldigend sein erstes Drama „Vor Sonnenaufgang“ widmete. Es war die erste Tat der Revolution. Häckel und Ibsen und Tolstoi haben Pate gestanden. Auf Ibsens „Gespenster“ folgte es auf der „Freien Bühne“, die glänzende Kritiker, Brahm, Schlenther, Harden, gegründet hatten. Die Vererbung, das „Mileu“ ist das Schicksal, das auf der Säuferfamilie lastet; die Angst vor ihr wirft den unklaren, willensschwachen Schwärmer nieder und zerstört ein Liebesglück, das neben all der häßlichen Wirklichkeit entzückend geschildert ist Niemand konnte verhehlen, daß in dem Werk ein großes Talent sich

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1538. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/409&oldid=- (Version vom 14.3.2019)