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vollkräftiger Arbeiter für sich beanspruchen. Was sie zutage fördern, mündet in die politische Geschichtschreibung ein; es dient dazu, die politische Betrachtung zu vertiefen. Diese Wirkung auf die politische Geschichtschreibung haben denn auch die so eifrig gepflegten kulturgeschichtlichen Studien hervorgebracht. Von einer Entthronung der politischen Geschichte kann ferner darum nicht die Rede sein, weil sie von sich aus sich reich zu entfalten und zu verzweigen, neue Gegenstände zu erfassen gewußt hat.

Der Führer der politischen Geschichtschreibung ist in unserer Periode H. v. Treitschke. Er verbindet die alte mit der neuen Zeit. Er kann zu den Vertretern der klassischen politischen Geschichtschreibung gerechnet werden, vereinigt aber mit deren Vorzügen in seiner „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert“, deren erster Band in dem bedeutungsvollen Jahre 1879 erschien, eine unvergleichliche Gabe kulturgeschichtlicher Schilderung und öffnet sich allen den Fragen, die unsere Zeit stellt. Er hat wohl in früherer Zeit mit theoretischen Erörterungen in sozialpolitischen Fragen eine Stellung eingenommen, die dem alten Liberalismus entsprach. Praktisch ist er doch, nicht am wenigsten mit seiner „Deutschen Geschichte“, der Herold der neuen Bismarckschen Politik geworden. Und er gehört, darüber hinaus, zu denen, die der imperialistischen Politik vorgearbeitet haben.

Bevorzugung der biographischen Form.

Nach Treitschke hat die politische Geschichtschreibung die Form der Biographie bevorzugt; wie um einen Protest gegen die modischen massenpsychologischen Theorien einzulegen. Rudolf von Habsburg (von O. Redlich), Loyola (von E. Gothein), Friedrich d. Gr. (von R. Koser), Männer der Reformzeit: Scharnhorst und Stein (von M. Lehmann), Gneisenau (von H. Delbrück), Boyen (von F. Meinecke), Radowitz (von F. Meinecke), Kaiser Wilhelm I. (von E. Marcks) und Bismarck (von M. Lenz und E. Marcks; von diesem der erste Band einer ganz umfassenden Bismarckbiographie, der uns namentlich lehrt, wie Bismarck aus den konservativen Kräften Preußens emporwächst, und in unvergleichlicher Nachempfindung seine Wendung zum Ernst der christlichen Religion schildert) haben Biographien erhalten, denen die unmittelbar vorausgehende Generation nicht so leicht etwas an die Seite zu setzen vermag.

Andere Formen der politischen Geschichtschreibung.

Doch hat die politische Geschichtschreibung nicht bloß den biographischen Rahmen verwertet. Nach wie vor ist auch die ganze Staaten- oder Volksgeschichte für weite Zeiträume dargestellt worden. Wir verzeichnen hier F. v. Bezolds Geschichte der deutschen Reformation, ein gerade für unsere Zeit charakteristisches Werk, insofern es den Ursachen der Reformation, ihrer Vorgeschichte breiteren Raum, eingehendere Aufmerksamkeit gewährt, als es je in Darstellungen der Reformationsgeschichte der Fall gewesen war; ausgezeichnet auch durch die diesem Autor überhaupt eigene feine Würdigung der literargeschichtlichen Erscheinungen. Bei seinem Erscheinen (1890) konnte es zugleich als eine notwendige Auseinandersetzung mit Joh. Janssens vom katholischen Standpunkt aus unternommener Schilderung der Reformationsgeschichte aufgefaßt werden. Seitdem hat sich, wie hier nebenbei eingeschaltet sei, die katholische

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1174. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/45&oldid=- (Version vom 11.5.2019)