Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/468

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einer Festlegung der Stellung, die der Künstler im modernen wirtschaftlichen Leben einzunehmen bestimmt ist. Sein Ziel kann daher nicht nur eine Hebung des Handwerks im Sinne früherer Zeiten sein. In richtiger Einschätzung der Bedeutung, die die wirtschaftlichen Fragen für unsere Zeit besitzen, erstrebt das moderne Kunstgewerbe zugleich eine Veredelung der Erzeugnisse der Industrie und sucht seinen Einfluß auf alle verwandten und benachbarten Gebiete auszudehnen. Diese Umbildung und der damit verbundene Aufschwung des Kunstgewerbes fallen in ihren Anfängen in die erste Zeit der Regierung Kaiser Wilhelms II.

Niedergang des Handwerks.

Die Rolle, die das Kunstgewerbe im 19. Jahrhundert gespielt hatte, war die eines Trabanten der Architektur gewesen. In demselben Maße, in dem während dieser Zeit die schöpferische Selbständigkeit der Architektur erlahmte, war auch ein Rückgang des Kunstgewerbes zu beobachten. Das Überhandnehmen kunstgeschichtlicher Anschauungsweise hatte dem Neuklassizismus den Boden bereitet, und dieser hatte mit seinen Doktrinen die lebendige Fruchtbarkeit der früheren Zeiten allmählich abgetötet. An die Stelle der früheren Meisterlehre war eine Schulerziehung getreten und statt der anschaulichen Praxis ein mehr oder weniger theoretisches Zeichnen eingeführt worden. Hierdurch wurde ein Umschwung in der Heranbildung des Nachwuchses herbeigeführt, der auf die Dauer verhängnisvoll werden mußte. Die Architektur hörte auf, eine Kunst zu sein und wurde zu einer Wissenschaft, die an Hochschulen gelehrt wurde. Die gleichmäßig stetige Weiterbildung, die sie bei der Arbeitsweise früherer Zeiten erfahren hatte, wurde hierdurch unterbunden und die Fähigkeit, selbständig schöpferisch zu sein, ging ihr verloren. Sie beschränkte sich daher für das Weitere auf eine Wiederholung dessen, was die Blüteperioden vor ihr geschaffen hatten, wobei sich allerdings der Unterschied ergab, daß diesen Wiederholungen nicht das Unmittelbare des Zeitgeborenen anhaftete, daß sie vielmehr nur äußerlich formalistische Imitationen darstellten. So kam es, daß man Bauten und Gegenstände mit Rokokoornamenten schmückte in einer Zeit, deren Geist auch nicht die geringste Verwandtschaft mit der des Rokokos hatte und daß man sich der mittelalterlichen Formensprache bediente, ohne auch nur im entferntesten etwas von der Denkweise des Mittelalters zu besitzen.

Inzwischen war dem Handwerk durch die fortschreitende Industrialisierung ein schwerer Existenzkampf erwachsen. Es sah sich aus seiner Monopolstellung verdrängt und mußte von den Arbeitsgebieten, für die es bis dahin als alleiniger Hersteller in Frage kam, mehr und mehr an die alles an sich reihende Fabrikation abtreten. Es kam dadurch in eine abhängige Stellung und mußte, um den Konkurrenzkampf aufnehmen zu können, auf ständige Verbilligung sinnen und notgedrungen an qualitativem Gehalt einbüßen. Infolgedessen ging ihm nicht nur das Gefühl für eine gute Technik, sondern mangels Übung auch die Beherrschung einer solchen allmählich verloren, und da es endlich im Interesse der Wohlfeilheit statt zu guten Materialien noch zu Surrogaten seine Zuflucht nahm, so wurde der Kontrast zwischen dem prunkvollen Äußeren und der billigen Herstellung ein immer größerer.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1597. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/468&oldid=- (Version vom 31.7.2018)