Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/481

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Denn Wagners Gewandung wollte anderen nicht passen. Eine Reihe von Tonsetzern, die besinnungslos Wagners Tonsprache nachahmten, kann hier außer Betracht bleiben, da ihre Erzeugnisse ohne Lebenskraft schnell dahingestorben sind. Andere freilich suchten Wagner im Geist nachzufolgen, und unter ihnen finden sich Künstler von beachtenswerter Eigenart, wie Max Schillings, Hans Pfitzner, Engelbert Humperdinck, Ludwig Thuille und Richard Strauß, der aber wieder eine Sonderstellung einnimmt.

M. Schillings.

Was allen Opern dieser Komponisten das Gepräge gibt, ist der Umstand, daß das Orchester den Singstimmen nicht nur ebenbürtig zur Seite steht, sondern daß es ihnen vorgezogen wird: es ist geradeso wie bei Wagner, Hauptausdrucksorgan geworden, es kommentiert alles, was auf der Bühne geschieht und was von den handelnden Personen gesungen wird, in seiner Weise, durchleuchtet es, verbindet entfernt liegende Ereignisse und wird so zum eigentlichen Fundament des ganzen Dramas. Die „Ingwelde“ (1894) von Max Schillings zeigt diese Eigenschaften in besonders hohem Grade, ja bisweilen ist das Orchestergewebe so dicht, daß es die Stimmen der Sänger allzu fest umschlingt und zu ersticken droht. Aber das Stück hat Charakter. Die vom Grafen Ferdinand Sporck verfaßte Dichtung spielt in germanischer Vorzeit; sie bietet nicht recht deutlich gezeichnete Charaktere, und eine Handlung, die reichlich kompliziert ist. Das bedeutet in der Oper schon einen Nachteil, denn weil das Wort innerhalb der Musik selten ganz deutlich zu verstehen ist, müssen die Grundlinien des Dramas so einfach sein, daß das Ganze beinahe schon als Pantomime verständlich wird. Mehr als der Dichter charakterisiert der Musiker, dessen Erfindung zwar nicht sehr vollblütig ist, dessen ernste Gestaltung und Stilreinheit jedoch imponieren. Einmal, am Schluß des zweiten Aktes, wo Bran das Bell zur Rache für Klaufes Tod schleift, reckt sich Schillings sogar zu überraschender Kraft und Größe auf. Noch zwei weitere dramatische Werke verdanken wir ihm: den „Pfeifertag“ (1899), wiederum vom Grafen Sporck, und den „Moloch“, den Emil Gerhäuser nach Hebels Fragment verfolgt hatte. Das wesentlichere ist der Pfeifertag, zumal es Schillings von einer neuen Seite zeigt, als Humoristen, dem freilich die Heiterkeit etwas fremd zu Gesicht steht. Zwei Handlungen sind hier durcheinander geschoben: eine etwas possenhaft gewendete Liebesintrige und die Kämpfe der „Jungen“ gegen die „Alten“ in der Pfeiferzunft, die dem Spiel den kulturhistorisch sozialen Hintergrund geben. Auch hier ist Schillings über seinen Dichter hinweggeschritten. Seine Musik ist gefühlsmäßiger, tiefer und edler als der ziemlich grob zugeschnittene Stoff, aber sie hat, trotz des rauschenden Orchestergewandes, ziemlich zarte Linien. So viel Bedeutendes und Reizvolles der Musiker und der Teil des Publikums, der gewohnt ist, nach innen zu hören, in ihr findet, so wenig stark ist ihre Wirkung auf die größere Masse, und das liegt im letzten Grunde doch wohl daran, daß die Natur des Komponisten sich dem Tragischen und dem Ernst williger erschließt als dieser etwas gezwungenen Lustigkeit.

H. Pfitzner.

Hans Pfitzner erregte 1895 berechtigtes Aufsehen mit seinem Musikdrama „Der arme Heinrich“ (James Grun). Die Farben erscheinen

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1610. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/481&oldid=- (Version vom 31.7.2018)