Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/484

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darin, die in der ganzen neueren Opernliteratur nicht ihresgleichen hat: der Schluß des zweiten Aktes, wo Lobetanz seine Mitgefangenen durch die grausige Ballade vom Zecher und dem Tod entsetzt und wo dann die gewaltigen Bläserakkorde des Marsches zum Richtplatz erklingen. Darin steckt wirkliche Kraft und Größe.

E. d’Albert.

Die komische Oper ist durch Eugen d’Albert um ein anmutiges Stück bereichert worden, das „Die Abreise“ heißt und auf einem überaus harmlosen Text von Steigentesch-Sporck beruht (1898). Wer von der Diskrepanz absieht, die zwischen der Unschuld des Librettos und dem großen, reich bewegten Orchester besteht, das teils von den „Meistersingern“, teils vom „Barbier von Bagdad“ abstammt, kann an der flotten, geistreichen, mit vielen amüsanten Einzelheiten ausgestatteten Musik seine helle Freude haben. Trotz vieler anderen Versuche hat es d’Albert nur noch einmal zu einem wirklichen Opernerfolg gebracht: mit „Tiefland“ (1903). Der Text von Rudolf Lothar (nach einem spanischen Stoff) ist hieran stark beteiligt, denn er hat Eigenschaften, die der Menge gefallen, eine gewisse brutale Energie in der einfachen Handlung, die einen leisen Beigeschmack von Kolportageroman hat und eine knappe, kräftige Fassung. D’Albert ist hier vielleicht noch mehr Eklektiker als in andern Werken, aber er wählt und sichtet mit Geschmack und großer Kenntnis der szenischen Wirkung und ist so des Eindrucks, den er hervorrufen will, sicher.

R. Strauß.

Mit Richard Straußens Opern ist es ein eigen Ding. Dieser bewegliche Geist hat in den letzten Jahren fast nur Bühnenmusik komponiert, dennoch halte ich ihn nicht für einen eigentlich dramatischen Komponisten in dem Sinne, wie Mozart oder Richard Wagner es gewesen sind, denn er vermag sich nicht so vollständig mit der Vorstellung eines dramatischen Vorwurfs zu erfüllen und unbeirrt aus dieser Vorstellung herauszuschaffen, wie jene es taten, ja, er bleibt in dieser Hinsicht selbst hinter weniger genialischen Künstlern, etwa Schillings oder Pfitzner zurück. Man hat bei ihm eher den Eindruck, daß er neben dem Drama steht und eine mehr oder minder geistreiche Musik dazu macht. Nach seinen Anfängen hätte man allerdings annehmen können, daß er auf diesem Gebiete einmal ganz Hohes erreichen würde, denn sein „Guntram“ (1894), zu dem er auch die Dichtung verfaßt hatte, nimmt einen gewaltigen Anlauf. Daß das Werk als ganzes mißglückt ist, und daß es über Weimar hinaus kaum Verbreitung gefunden hat, tut bei dieser Schätzung nichts zur Sache, denn es gibt Niederlagen, die ehrenvoller sind als Siege.

Der Mißerfolg dieses ersten Bühnenwerkes scheint Strauß verstimmt zu haben, denn er gab während der nächsten Jahre seinem Schaffen wieder eine andere Richtung, aber 1901 sehen wir ihn aufs neue mit einer Oper hervortreten, mit der einaktigen „Feuersnot“, von Ernst von Wolzogen. Der Stoff ist eine ziemlich zotige Schnurre, die selbst für einen Einakter etwas zu dünn erscheint. Aber dieser Grundton wird nicht einmal ungestört beibehalten, denn ganz aus heiterm Himmel lassen die Autoren mitten im Stück eine Strafpredigt an die Münchener los, weil sie Richard Wagner und seinen legitimen künstlerischen Erben Richard Strauß nicht gut genug behandelt haben. Die Musik heftet sich nun im wesentlichen an das einzelne, nicht allein der Szene, sondern

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1613. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/484&oldid=- (Version vom 31.7.2018)