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gleichfalls von ihm versuchten Tätigkeit, die großen sozialen Kämpfe der neuesten Zeit vorzuführen.

Noch grimmigeren Haß als Lubliner häufte Paul Lindau auf sich, dem es so ging wie dem alten Tieck, der auch aus einem wilden Revolutionskämpfer ein zahmer Rückschrittler geworden war.

Lindaus Hauptdramen gehören einer früheren Zeit an. Er wollte das deutsche Sittenstück an die Stelle des französischen setzen, brachte es aber, wie Fontane sich einmal ausdrückte, nur zu furchtsamen Tendenzstücken von der milderen Observanz. In unserer Epoche beschränkt er sich auf Romanschriftstellerei und Theaterleitung; als Dramatiker war er bemüht, gegen die neue Schule aufzutreten, die ihn rücksichtslos angegriffen hatte (sein Drama „Die Sonne“, 1891). Adolf Wilbrandt, gleichfalls einer früheren Epoche zuzurechnen, hat doch noch 1889 in seinem „Meister von Palmyra“ ein schönes und kräftiges Werk geschrieben, das, durch die trefflichen Künstler des Burgtheaters unterstützt, große Wirkungen erzielte.

Paul Heyse endlich, dessen wunderbare Novellen in höherem Grade als seine Romane hoffentlich den Sturm mancher Neuen und Neusten überdauern wird, ist als Dramatiker niemals glücklich gewesen. Bei aller Verehrung, die er als Persönlichkeit, als Dichter genoß und genießt, darf man es aussprechen, daß ihm trotz allen Eifers, mit dem er auf der Bühne um die Siegespalme rang, ein wirklich großer Erfolg mit Recht niemals zuteil wurde. Außer einigen wenigen historischen Stücken kann sich keines seiner Dramen auf der Bühne halten.

Ernst v. Wildenbruch

Dagegen rettete Ernst v. Wildenbruch seinen jungen Ruhm in die neue Zeit hinein. Um Wildenbruch vollkommen zu würdigen, muß man ihn gehört haben. Wie er vor den Studenten stand und seine Dramen vorlas, vielleicht nicht mit höchster Kunst, aber mit echter jugendlicher Begeisterung, wie er schmetterte und drohte, säuselte und milde redete, das waren unvergeßliche Augenblicke. Es lag etwas Prophetisches in seinem Auftreten und etwas Heldenartiges in seinem ganzen Wesen. Am 11. November 1888 wurden seine „Quitzows“ aufgeführt, dem die ähnlichen Stücke „Der Generalfeldoberst“, „Heinrich und Heinrichs Geschlecht“, „Opfer um Opfer“ und andere folgten. Durch alle diese weht der heiße Atem des Patriotismus, mehr des preußischen als des deutschen. Es erschien wie ein Aufwallen des Hohenzollernblutes, das in seinen Adern rollte. Leider kam es aber im Laufe der Zeit zu stets lauter tönenden, aber innerlich unwahren Phrasen, das Wort trat an die Stelle der Handlung; so wie er sich von seinen Brandenburgern trennte, entfernte sich auch die Muse von ihm. Sobald er sein eigentliches Gebiet verließ, tastete er unsicher umher; das moderne Lustspiel mißlang ihm nicht geradezu, erhob sich jedoch nicht über das gewöhnliche ( „Die Haubenlerche“ ). Das Versenken in fremde Zeiten bewies ebensowohl Unkenntnis der Zeit, wie Unfähigkeit zu ihrer Gestaltung ( „Die Tochter des Erasmus“ ). Gewählte Sprache konnte für das Schiefe in der Charakteristik, das Leere in der Handlung nicht entschädigen. Mochte man dem Verfasser auch verzeihen, daß er den lieblosen und zur Liebe unfähigen großen Schriftsteller der Reformation zum Liebenden

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1625. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/496&oldid=- (Version vom 8.4.2021)