Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/546

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Stammesgenossen das Zusammengehörigkeitsgefühl aufrecht zu halten suchen. Doch ist das ganz unpolitische und harmlose Stilleben, das sie zu führen pflegen, auch wieder ein Zeichen davon, daß der Partikularismus im Deutschen Reich aufgehört hat, eine Macht zu sein und Einfluß auszuüben. Gerade sie haben keine öffentliche Bedeutung mehr, sondern sind zu betrachten wie die Vereine ehemaliger Schul- und Klassengenossen aus Schulpforta oder Schöntal: sie pflegen Heimats- und Jugenderinnerungen, vergnügen sich in ihrer heimatlichen Weise und freuen sich am Hören ihres heimischen Dialekts, das ist alles.

Krieger-, Wehr- und Flottenvereine.

Ganz anders modern und viel bedeutungsvoller sind im Zeitalter eines die Geister in allen großen Völkern und Staaten erfüllenden „Imperialismus“ die Krieger- und Wehr- und Flottenvereine. Namentlich der Deutsche Flottenverein hat Großes geleistet: neben der energischen Initiative unseres Kaisers ist er es gewesen, der die Volksstimmung in seinem Sinn bearbeitet und seinen Flottenplänen zugänglich gemacht und dem Volk das Verständnis für ihre Notwendigkeit erschlossen, unsere Reichstagsabgeordneten für die Bewilligung der nötigen Mittel gewonnen und die Minister durch den Rückhalt an der auf diese Weise entfachten Begeisterung weiter Kreise ermutigt hat, mit den großen Forderungen für die Flotte vor den Reichstag zu treten. So kann er stolz auf seine Erfolge von der heute erreichten respektabeln Größe und Stärke derselben sagen: quorum pars magna fui! Hand in Hand damit gehen die Bestrebungen des Kolonialvereins, aufklärend auf die Massen zu wirken, ihnen die Augen zu öffnen für den Wert von Kolonien überhaupt und unserer deutschen Kolonien insbesondere und Stimmung zu machen für den Erwerb und die Entwicklung derselben und für die Opfer, die zunächst einmal dafür zu bringen sind, wie der Kaufmann Geld in sein Geschäft stecken muß, um es prosperieren zu machen und Gewinn daraus zu ziehen. Und ähnlich wirkt der Wehrverein, dem wir es doch mit zu verdanken haben, daß durch die letzte große Wehrvorlage lange Hinausgeschobenes nun auf einmal hereingeholt, die allgemeine Wehrpflicht endlich zur Wahrheit gemacht und den drohenden Machtverschiebungen und Verwicklungen gegenüber die Schlagfertigkeit des deutschen Heeres aufs vollkommenste hergestellt wurde, und daß diese Vorlage so fraglos vom Volke hin- und unter dem Druck dieser Volksstimmung mit so großer Mehrheit vom Reichstag angenommen worden ist. So notwendig wie die Arbeit des Flottenvereins ist freilich die des Wehrvereins nicht. Die Flotte kennen aus eigener Anschauung nur wenige und kennt man nur an der Waterkant: das Landheer kennen wir alle. Der Dienstzeit verdankt man das weitverbreitete Interesse an unserem Heer, das so breitbeinig und kraftvoll in unserem öffentlichen Leben obenan steht; und die unpolitischen Kriegervereine sorgen dafür, daß der kriegerische Geist, dem die Friedensvereine hoffentlich noch recht lange vergeblich entgegenwirken, in unserem Volk nicht ausstirbt und die Freude daran und der Stolz darauf nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Erinnerung an die verlebte Dienstzeit oder an mitgemachte Kriege und miterfochtenen Siege unter uns lebendig bleibt. Daß dabei gelegentlich viel Hurra geschrien wird, gehört nun einmal zum Wesen solcher Massenansammlungen überhaupt

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1675. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/546&oldid=- (Version vom 3.10.2020)