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Ueber’s Meer und über Länderstrecken.

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Endlich schwebt das Ungetüm in langen

Kreisen über einer Schlucht, es neigt sich
Allgemach, und dann berührt’s den Boden.
Mit der letzten Kraft ermannt sich Assad,
Leise lösend seine seidne Binde.

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Doch der Vogel hascht sich eine Beute,

Die er ausgespäht von oben; wieder
Schwingt er hoch sich dann und war verschwunden.

Seiner kaum bewußt und totenähnlich
Lag der Jüngling, bis ein tiefer Schlaf ihn

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Ueberfällt, der ihn erquickt und rettet.

Doch der Ort, wohin der Vogel trug ihn,
War das tiefe Thal der Diamanten,
Durch der Felsenwände jähsten Abfall
Unzugänglich jedem Erdensohne.

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Nur mit List beraubt der Mensch und spärlich

Diese Thalschlucht ihrer Schätze. Große
Klumpen Fleisches wälzen vom Gebirge
Jährlich nieder in’s Gethal die Hirten:
Diese Beute lockt das Raubgevögel,

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Die empor sie fischen; doch am Fleische

Bleiben einzelne Diamanten kleben:
Lärmend jagen dann die Junggesellen
Jenen Thieren ihren reichen Fang ab.

Dieß das Thal, in dem erwachend Assad

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Um sich blickt; er sieht die wundervollen.

Prächtigen Steine, deren Werts er kundig.
Mit den schönsten füllt er froh die beiden
Aermel an; doch abermals erkennt er
Einer fruchtlos angestrebten Rettung

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Wahnversuch. Die schroffen Wände bilden

Einen Kerker um den Sohn des Harun.

Empfohlene Zitierweise:
August Graf von Platen: Die Abbassiden. J. G. Cotta, Stuttgart und Tübingen 1847, Seite 77. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Abassiden_(Platen).pdf/77&oldid=- (Version vom 31.7.2018)