Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/109

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der Ruhe und dem Innenleben gewidmet sind. Die Phalansterie und selbst die Familisterie tragen dem keine Rechnung; oder sie suchen diesem durch künstliche Gruppierungen zu genügen.

Die Phalansterie, welche in Wirklichkeit nur ein großes Hotel ist, mag dem einen oder vielleicht gar allen einmal in bestimmten Lebensperioden zusagen, aber die große Mehrzahl wird es zu einem bestimmten Zeitpunkt stets vorziehen, in der Familie zu leben (in der Familie der Zukunft, wohlverstanden). Sie wird die isolierte Wohnung vorziehen und die Normannen und Angelsachsen werden sogar ihr isoliertes Häuschen mit 4, 6 oder 8 Zimmern haben wollen, in welchem dann eine Familie oder eine Anzahl Freunde für sich leben können.

Die Phalansterie hat zuweilen ihre Daseinsberechtigung: doch sie würde mit dem Augenblick verhaßt werden, wo sie die allgemeine Regel werden sollte. Die Abwechslung zwischen Isolierung und in Gesellschaft verbrachten Stunden ist für die menschliche Natur das Entsprechendste. Darum ist auch die Unmöglichkeit, sich isolieren zu können, eine der größten Qualen. Das gleiche gilt für die Isolierung; auch sie wird zur Tortur, wenn sie nicht in Stunden des Zusammenseins mit anderen ihre Abwechslung findet.

Was die Erwägungen der Sparsamkeit anbetrifft, die man bisweilen zugunsten der Phalansterie geltend macht, so ist dies die Sparsamkeit des Krämers. Die wirkliche Sparsamkeit, die einzig vernünftige[WS 1], besteht darin, das Leben für Alle angenehm zu machen, weil der mit seinem Leben zufriedene Mensch unendlich viel mehr produziert als der, welcher seine Umgebung verflucht.

Andere Sozialisten verwerfen die Phalansterie. Aber wenn man sie fragt, in welcher Weise sich die häusliche Arbeit organisieren ließe, so antworten sie: „Jeder wird ‚seine Arbeit‘ tun. Meine Frau macht gern ihre Arbeit im Hause: die Bourgeoisfrauen werden es dann ebenfalls tun.“ Und wenn man mit einem Bourgeois, der ein wenig mit dem Sozialismus kokettiert, spricht, so wird er lachend zu seiner Gattin sagen: „Nicht wahr, meine Teure, in einer sozialistischen Gesellschaft wirst du gern der Magd entbehren? Nicht wahr, Du wirst dann ebenso in der Wirtschaft schaffen, wie die Frau unseres wackeren Freundes Paul oder die Frau von Jean, dem Tischler, den Du ja kennst?“ Worauf die Frau mit einem sauersüßen Lächeln erwidert: „O ja, mein Lieber“; aber bei sich denkt sie: Gott sei Dank, daß es noch nicht soweit ist.

Immer noch denkt der Mann daran, auf die Frau als Magd oder Gattin, die Arbeiten der Häuslichkeit abwälzen zu können.

Aber auch die Frau fordert – endlich! – ihren Teil an der Emanzipation der Menschheit. Sie will nicht mehr das Lasttier des Hauses sein. Es ist schon genug, daß sie soviele Jahre ihres Lebens der Erziehung ihrer Kinder widmen muß. Sie will nicht mehr die Flickerin und die Scheuerfrau der Wirtschaft sein. Und die Amerikanerinnen, welche die Vorhut in diesem Werke der Gerechtigkeit bilden, wissen auch schon, ihren Forderungen durch die Tat Nachdruck zu verleihen; es herrscht[WS 2] allgemeine Klage in den Vereinigten Staaten über

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: vernünfigte
  2. Vorlage: herscht
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 93. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/109&oldid=- (Version vom 3.6.2018)