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Der Opfermut der Freiwilligen vom „Roten Kreuz“ ist über alles Lob erhaben. Sie verlangten stets nach den gefährlichsten Posten, und während die bezahlten Aerzte des Staates mit ihrem Stabe bei der Annährung des Feindes flohen, setzten die Freiwilligen vom „Roten Kreuz“ ihr Liebeswerk unter dem Kugelregen fort, indem sie ruhig die Brutalitäten der Bismarckschen und Napoleonischen Offiziere ertrugen und die gleiche Sorge allen Verwundeten, gleichgültig welcher Nation, widmeten. Holländer und Italiener, Schweden und Belgier – ja Japaner und Chinesen verständigten sich in wunderbarer Weise. Sie errichten ihre Hospitäler und Feldlazarette, ganz den Bedürfnissen des Augenblicks entsprechend; sie wetteiferten in der Pflege, die sie den Verwundeten angedeihen ließen. Und wie viele Franzosen sprechen noch heute mit tiefer Dankbarkeit von der liebevollen Pflege, die ihnen eine holländische oder deutsche Pflegerin hat angedeihen lassen – in den Feldlazaretten des „Roten Kreuzes“.

Doch Alles dies wirkt nicht bei dem Autoritären. Sein Ideal ist und bleibt Regimentsoberst, Staatsbeamter. Zum Teufel also mit dem „Roten Kreuz“, mit seinen Hospitälern, wenn die Krankenwärter nicht Beamte sind.

Hier haben wir eine Organisation jungen Datums, welche ihre Mitglieder nach Hunderttausenden[WS 1] zählt, welche Feldlazarette, Hospitäler, Eisenbahnzüge besitzt, welche die neuesten Erfahrungen in der Behandlung Verwundeter verwertet und – die einzig der freiwilligen Initiative von einigen hochherzigen Männern gedankt wird.

Man wird uns vielleicht entgegnen, daß die Staaten auch ihren Anteil an dieser Organisation haben? Ja, insoweit, als sich die Staaten bemüht haben, sie für sich in Anspruch zu nehmen. Den Vorsitz in den leitenden Komitees führen Personen, welche von Lakaien Prinzen von Geblüt genannt werden. Kaiser und Königinnen haben das Patronat in den nationalen Komitees inne. Aber wahrlich nicht jenem Patronat wird der Erfolg dieser Organisation geschuldet, sondern einzig den tausend lokalen Komitees jeder Nation, der Tätigkeit der Individuen, dem Opfermut Aller, welche den Opfern des Krieges Linderung zu schaffen suchen. Und die Opferfreudigkeit würde eine noch größere sein, wenn die Staaten sich überhaupt nicht um sie kümmerten.

In jedem Fall, nicht auf die Befehle eines internationalen leitenden Komitees haben die Engländer und Japaner, die Schweden und Chinesen sich beeilt, ihre Hülfe den Verwundeten von 1870–71 zu bringen. Nicht auf die Befehle eines internationalen Ministers erstanden Hospitäler auf französischer Erde und folgten die Feldlazarette den Schlachtfeldern. Dies geschah einzig durch die Initiative der Freiwilligen eines jeden Landes. Einmal an Ort und Stelle, wo man ihrer bedurfte, haben sie sich keineswegs die Haare ausgerauft, wie jene Jakobiner voraussahen: sie haben sich alle dem Liebeswerk gewidmet ohne Unterschied der Nationalitäten.

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Wir können nur bedauern, daß so große Mühen im Dienste einer so schlechten Sache aufgewendet worden sind, und wir können nur mit dem

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Hundertausenden
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 108. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/124&oldid=- (Version vom 3.6.2018)