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EINWÜRFE.

I.

Prüfen wir jetzt die hauptsächlichsten Einwürfe, die man gegen den Kommunismus erhebt. Die meisten derselben beruhen offenbar auf einem einfachen Mißverständnis; aber einige betreffen zu wichtige Fragen, als daß wir ihnen nicht unsere ganze Aufmerksamkeit zuwenden müßten.

Es ist keineswegs unsere Pflicht, die Einwürfe, welche man dem autoritären Kommunismus macht, zurückzuweisen: wir machen sie selbst. Die zivilisierten Nationen haben zu viel in dem Kampfe für die Befreiung des Individuums gelitten, als daß sie ihre Vergangenheit verleugnen und eine Regierung dulden könnten, welche für die kleinsten Aeußerungen des gesellschaftlichen Lebens Vorschriften erlassen würde, – auch wenn diese Regierung kein anderes Ziel als das Wohl der Allgemeinheit im Auge haben sollte. Wenn jemals eine autoritäre kommunistische Gesellschaft das Licht der Welt erblicken sollte, so wird sie nicht von langer Dauer sein, sie wird bald durch die allgemeine Unzufriedenheit gezwungen sein, entweder sich aufzulösen oder sich nach freiheitlichen Prinzipien zu reorganisieren.

Wir haben es mit einer anarchistisch-kommunistischen Gesellschaft zu tun, mit einer Gesellschaft, die die volle und unumwundene Freiheit des Individuums anerkennt, keine Autorität zuläßt und auf jedes Zwangsmittel, um den Menschen zu Arbeit zu zwingen, verzichtet. Indem wir uns nun in unseren Studien auf die ökonomische Seite dieser Frage beschränken, wollen wir sehen, ob diese Gesellschaft, sich aus einem Menschenmaterial wie das heutige, nicht besserem, nicht schlechterem, nicht mehr oder minder arbeitsamen zusammensetzend, Aussichten für eine glückliche Entwicklung hat.

Folgender Einwurf ist wohl bekannt. – „Wenn die Existenz eines Jeden gesichert ist und wenn die Notwendigkeit, einen Lohn zu verdienen, – sagt man nun – den Menschen nicht mehr zwingt, zu arbeiten, so wird niemand mehr arbeiten. Jeder wird auf den Anderen die Arbeit abwälzen, welche er nicht zwangsweise verrichten muß.“ Heben wir zuerst hervor, mit welcher unglaublichen Leichtfertigkeit man diesen Einwurf hinwirft. Man denkt gar nicht daran, daß dieses so viel besagt, als ob man einerseits durch die Lohnarbeit wirklich jene günstigen Resultate erreicht hätte, und als ob anderseits die freiwillige Arbeit, soweit sie heute besteht, unproduktiver sei, als die durch einen Lohn angestachelte Arbeit. – Dies ist aber eine große Frage, welche ein ernsthaftes Studium

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 110. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/126&oldid=- (Version vom 12.3.2018)