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Arbeitsleistung zutage fördern wird, als man bisher unter dem Stachel der Sklaverei, der Leibeigenschaft und des Lohnsystems erreicht hat.

II.

Wer heute die für seine Existenz unerläßliche Arbeit irgendwie auf Andere abwälzen kann, beeilt sich, dies zu tun; und man nimmt nun an, daß dem immer so sein wird.

Die für die Existenz unerläßliche Arbeit ist aber wesentlich Handarbeit. Wir mögen Künstler, Gelehrte usw. sein; doch keiner kann der Produkte, die im allgemeinen nur durch die Handarbeit hergestellt werden, des Brotes, der Kleidung, der Straßen, der Schiffe, des Lichtes, der Wärme usw., entbehren. Und noch weiter: so hoher künstlerischer und so feiner metaphysischer Natur unsere Vergnügungen auch sein mögen, es gibt kein einziges unter ihnen, das nicht auf der Handarbeit beruht. Und gerade dieser Arbeit – dem Lebensfundament – sucht sich ein Jeder zu entziehen.

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Wir begreifen dies vollkommen. Es muß sogar heute so sein.

Eine Handarbeit verrichten, bedeutet gegenwärtig, täglich 10 und 12 Stunden in eine ungesunde Fabrik eingeschlossen und zehn, dreißig Jahre, sein ganzes Leben hindurch an diese gleiche Qual gefesselt zu sein.

Es bedeutet, sich zu einem elenden Lohn verdammt zu sehen, fortwährend in Unsicherheit für den nächsten Tag zu sein, ständig das Gespenst der Arbeitslosigkeit und des Elends vor Augen zu haben, häufiger noch dem Tode im Hospital geweiht zu sein, dies, nachdem man vierzig Jahre hindurch sich abgemüht hatte, Andere zu ernähren, zu kleiden, Anderen anstatt sich und seinen Kindern Vergnügungen und Bildung zu schaffen.

Es bedeutet, sein ganzes Leben in den Augen Anderer den Stempel der Sklaverei zu tragen und auch selbst dieses Bewußtsein zu haben; denn – was auch alles jene klugen Herren reden mögen – der Handarbeiter wird heute immer als dem Kopfarbeiter unterlegen angesehen, und derjenige, der zehn Stunden in der Werkstatt geschafft hat, hat weder die Zeit und noch weder die Möglichkeit, sich den hohen Genüssen der Wissenschaft und der Kunst hinzugeben; er muß sich mit den Brocken begnügen, die von dem Tische der Privilegierten fallen.

Wir begreifen also vollkommen, daß unter diesen Umständen die Handarbeit als ein Fluch des Schicksals betrachtet wird.

Wir begreifen, daß sich Alle nur dem einen Traume hingeben, nämlich für sich selbst oder wenigstens für ihre Kinder die untergeordnete Lage zu überwinden, sich eine „unabhängige“ Situation zu schaffen – was heute so viel heißt, als auf Kosten anderer zu leben.

So lange es eine Klasse von Handarbeitern und eine andere Klasse von „Kopfarbeitern“ gibt – schwarze schwielige und weiße zarte Hände – wird es auch so bleiben.

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Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 114. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/130&oldid=- (Version vom 17.8.2017)