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des Hungers selbst die Widerspenstigen, mit den Andern Schritt zu halten. Derjenige, welcher heute nicht zur festgesetzten Stunde erscheint, ist sofort entlassen. Doch kann ein räudiges Schaf die ganze Herde anstecken, und drei oder vier lässige Arbeiter werden alle andern verderben und in die Werkstatt den Geist der Unordnung und Empörung tragen, der die Arbeit unmöglich macht; man wird schließlich wieder zu einem Zwangssystem, das die Arbeiter an ihre Arbeitsstätte fesselt, greifen müssen. Das einzige System nun, welches erlaubt, diesen Zwang auszuüben, ohne das Unabhängigkeitsgefühl des Arbeiters zu verletzen, ist das, welches sie entsprechend der geleisteten Arbeit entschädigt. Jedes andere Mittel würde die fortwährende Intervention einer Autorität einschließen, was dem freien Manne bald widerstreben müßte.“

Hiermit glauben wir diesen Einwurf in seiner ganzen Gewichtigkeit wiedergegeben zu haben.

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Er gehört augenscheinlich in die Kategorie der Raisonnements, durch welche man auch den Staat, das Strafgesetz, die Notwendigkeit der Richter und des Kerkermeisters rechtfertigt.

„Da es Menschen gibt, – eine schwache Minorität – welche sich nicht den gesellschaftlichen Bräuchen unterwerfen“, sagen die Autoritätsanbeter, „so ist es notwendig, den Staat, so kostspielig es auch sein mag, die Autorität, das Tribunal und das Gefängnis aufrecht zu erhalten, selbst wenn diese Institutionen auch die Quelle neuer Uebel aller Art sein mögen.“

Wir könnten uns nun darauf beschränken, das zu antworten, was wir schon so viele Male gegenüber der Autorität im allgemeinen gesagt haben: „Um ein mögliches Uebel zu vermeiden, nehmt Ihr Eure Zuflucht zu einem Mittel, welches an sich selbst ein größeres Uebel ist und gerade wieder die Quelle jener Mißbräuche wird, denen Ihr steuern wollt. Denn, vergesset nicht, daß es das Lohnsystem – die Unmöglichkeit, anders zu leben, als daß man seine Arbeitskraft verkauft – gewesen ist, welches das gegenwärtige kapitalistische System, dessen Mängel ihr jetzt allmählich anerkennt, geschaffen hat.“

Wir könnten auch sagen, daß dieses hinterherhinkende Raisonnement nichts weiter, als ein Plaidoyer zur Entschuldigung des Bestehenden ist. Das gegenwärtige Lohnsystem ist nicht eingesetzt worden, um den Nachteilen des Kommunismus zu begegnen. Sein Ursprung ist ein ganz anderer, ebenso wie der des Staates und des Eigentums. Es ist geboren in der durch Gewalt aufgezwungenen Sklaverei und Leibeigenschaft, von denen es nur eine moderne Modifikation ist. Dieses Argument hat also nicht mehr Gewicht, als alle jene, mittels deren man das Eigentum und den Staat zu entschuldigen sucht.

Wir wollen indes trotzdem diesen Einwand prüfen und sehen, was an demselben Wahres ist.

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Erstlich ist noch nicht erwiesen, daß sich eine Gesellschaft, die wirklich auf dem Prinzip der freien Arbeit begründet ist und durch

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 118. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/134&oldid=- (Version vom 17.8.2017)