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Müßiggänger in ihrem Bestehen bedroht wird, sich nicht gegen diese schützen könnte, ohne sich eine autoritäre Organisation zu geben und ohne auf das Lohnsystem zurückzugreifen.

Nehmen wir eine Gruppe Freiwilliger an, die sich zu einer Unternehmung vereinigt haben und für ihr Gelingen zusammen arbeiten. Ein Genosse bildet eine Ausnahme und fehlt häufig an seinem Posten. Sollte man nun seinetwegen die freie Gruppierung aufgeben, einen Präsidenten wählen, welchem das Recht zustände, Strafen zu verhängen, oder, wie es in der Akademie Brauch ist, Besuchsmarken zu verteilen? Es ist augenscheinlich, daß man weder das Eine noch das Andere tun wird, sondern daß man eines Tages zu dem Kameraden, der die Unternehmung zu gefährden droht, sagen wird: „Mein Freund, wir würden gerne mit Dir zusammenarbeiten; aber wenn Du so häufig an Deinem Posten fehlst oder Deine Arbeit nachlässig verrichtest, so müssen wir uns trennen. Geh Du und suche Dir andere Kameraden, die sich Deine Lässigkeit gefallen lassen.“

Dieses Mittel ist ein so natürliches, daß es heute schon überall, in allen Industrien neben allen möglichen Strafmitteln, Lohnreduktionen, Ueberwachungen usw. angewendet wird. Ein Arbeiter kann stets noch so pünktlich zur Stelle sein, wenn er aber seine Arbeit schlecht verrichtet, wenn er seine Kameraden durch Lässigkeit oder andere Mängel schädigt, wenn sie sich deswegen entzweien, so hat es ein Ende; er ist durch die Kameraden selbst gezwungen, die Werkstatt zu verlassen.

Man behauptet im allgemeinen, daß der allwissende Arbeitsherr und seine Aufpasser die Regelmäßigkeit und die gute Beschaffenheit der Arbeit in der Werkstatt garantieren. Nicht diese sind es in Wahrheit, welche in jeder Unternehmung – sei sie noch so einfacher Natur – bei der das Produkt vor seiner Vollendung durch mehrere Hände geht, über die Beschaffenheit der Arbeit wachen; es ist die Werkstatt, die Gesamtheit der Arbeiter selbst. Daher kommt es auch, daß die größten englischen Fabriken so wenig Aufpasser haben – viel weniger, als im Durchschnitt die französischen Fabriken oder die englischen Staatsfabriken.

Es verhält sich damit ebenso, wie mit der Aufrechterhaltung eines bestimmten Moralniveaus in der Gesellschaft mittels der Magistratur. Man behauptet, sie dem Gensdarm, dem Richter, dem Stadtsergeanten zu schulden, während es in Wirklichkeit trotz des Richters, des Schutzmannes und des Gensdarms besteht.

„Viel Gesetze, viele Verbrechen“ – hat man schon lange vor uns gesagt.

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Nicht allein für die industriellen Werkstätten gilt dieses, es zeigt sich überall, täglich, in einem Umfange, von dem sich die meisten Bücherwürmer nichts träumen lassen.

Wenn eine Eisenbahnkompagnie, die mit andern Kompagnien föderiert ist, ihren Verpflichtungen nicht nachkommt, mit ihren Zügen sich ständig verspätet und die Waren auf ihren Bahnhöfen unbefördert liegen läßt, drohen die andern Kompagnien nur, die Kontrakte zu annullieren,

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 119. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/135&oldid=- (Version vom 17.8.2017)