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Sprechet mit einem intelligenten Industriellen darüber, und er wird Euch sagen, daß, wenn die Arbeiter es sich in den Kopf setzen wollten, lässig zu sein, es würde nichts übrig bleiben, als alle Fabriken zu schließen; denn keine Strenge, kein Spionagesystem könnte etwas dagegen ausrichten. Man hätte nur den Schrecken sehen sollen, der unter den englischen Industriellen ausbrach, als einige Agitatoren die „Ca-canny“-Theorie predigten und den Arbeitern sagten: „Für schlechten Lohn liefert schlechte Arbeit, arbeitet langsam, quält Euch nicht ab, und verderbet, was Ihr nur könnt!“ – „Man demoralisiert den Arbeiter, man will die Industrie vernichten“! schrieen da diejenigen, welche ehemals gegen die Immoralität des Arbeiters und die schlechte Beschaffenheit seiner Produkte gedonnert hatten. Wenn der Arbeiter das war, als was ihn die Oekonomisten hinstellen – ein Faulpelz, dem man unaufhörlich mit der Entlassung aus der Werkstatt drohen müsse – was hätte dann das Wort „Demoralisation“ zu bedeuten?

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Wenn man also von einem etwaigen künftigen Müßiggang spricht, so muß man bemerken, daß es sich um eine Minorität, eine unendlich kleine Minorität in der Gesellschaft handeln wird. Und bevor man gegen diese eventuelle Minorität Gesetze erließe, täte man gut, über ihren Ursprung klar zu werden.

Wer mit vorurteilslosem Blick beobachtet, der wird wahrnehmen, daß das in der Schule als „faul“ geltende Kind häufig nur ein Kind ist, das schlecht begreift, was ihm schlecht gelehrt worden ist. Sehr häufig ist die vermeintliche Faulheit auch nichts anderes, als Blutmangel im Gehirn, eine Folge der Armut und einer ungesunden Erziehung.

Jener Knabe, faul im Lateinischen und Griechischen, würde wie ein Neger arbeiten, wenn man ihn in die Wissenschaften einzuführen verstände, namentlich wenn dies durch die Vermittelung der Handarbeit geschähe. Jenes Mädchen, das als Null in der Mathematik gilt, würde die erste Mathematikerin ihrer Klasse sein, wenn sie zufällig Jemandem begegnete, der sie durchschaut und ihr zu erklären versteht, was sie in den Anfangsgründen der Arithmetik nicht begriffen hatte. Und jener Arbeiter, lässig in der Fabrik, wird dagegen seinen Garten vom Aufgang der Sonne bis in die sinkende Nacht hinein bestellen.

Es hat Jemand einmal gesagt, daß der Schmutz Stoff ist, der sich nicht an seiner richtigen Stelle befindet. Die gleiche Erklärung trifft für neun Zehntel derer zu, die man „Faule“ nennt. Es sind Leute, die auf einen Weg geraten sind, der ihrem Temperament und ihren Fähigkeiten nicht entspricht. Wenn man die Biographien der großen Meister liest, so ist man von der Zahl der „Faulen“ unter ihnen betroffen. Sie waren faul, solange sie nicht den rechten Weg gefunden hatten; später arbeitsam bis zum Extrem. Darwin, Stephenson und so viele andere gehören zu diesen „Faulen“.

Sehr häufig ist der Faule nur ein Mann, dem es widerstrebt, während seines ganzen Lebens den 18. Teil einer Nadel oder den 100. Teil einer Uhr zu machen. Er würde Ueberfluß an Energie haben, wenn er sie auf etwas anderes verwenden könnte. Häufig ist er auch ein Revolutionär,

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 122. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/138&oldid=- (Version vom 17.8.2017)