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Dasselbe läuft auf folgendes hinaus: Jedermann arbeitet auf den Feldern, in den Fabriken, den Schulen, den Hospitälern usw. Der Arbeitstag wird durch den Staat, dem die Erde, die Fabriken, die Verkehrsmittel usw. gehören, geregelt. Jeder Arbeitstag kann gegen einen „Arbeitsbon“ ausgetauscht werden, der, sagen wir, die Worte: „8 Stunden Arbeit“ trägt. Mit diesem Bon kann sich der Arbeiter in den Magazinen des Staates oder bei den verschiedenen Korporationen alle Warengattungen verschaffen. Der „Bon“ ist teilbar, derart, daß man für eine Stunde Arbeit Fleisch, für zehn Minuten Streichhölzer oder auch für eine halbe Stunde Tabak kaufen kann. Anstatt zu sagen: für 5 Pfennig Seife, wird man nach der kollektivistischen Revolution sagen: „für 5 Minuten Seife.“

Die meisten Kollektivisten, getreu dem Unterschied, der von den bürgerlichen Oekonomisten (und von Marx) zwischen „qualifizierter“ und „einfacher“ Arbeit gemacht wurde, lehren uns, daß die „qualifizierte“ oder professionelle Arbeit höher bezahlt werden müßte als die „einfache“ Arbeit. So müßte eine Arbeitsstunde des Arztes als gleichwertig mit 2 oder 3 Arbeitsstunden des Krankenwärters oder auch drei Stunden des Erdarbeiters betrachtet werden. „Die professionelle oder qualifizierte Arbeit wird ein Vielfaches der einfachen Arbeit sein“, sagt uns der Kollektivist Groenlund, weil diese Arbeit eine mehr und minder lange Lehrzeit erfordert.

Andere Kollektivisten, z. B. die französischen Marxisten, machen diese Unterscheidung nicht. Sie proklamieren „die Gleichheit der Löhne“. Der Doktor, der Schullehrer, der Professor werden bezahlt werden (in Arbeitsbons) nach der gleichen Taxe wie der Erdarbeiter. Acht Stunden Hospitaldienst werden denselben Wert wie 8 Stunden Erd-, Fabrik- oder Bergwerksarbeit repräsentieren.

Einige machen noch weitere Konzessionen; sie nehmen an, daß die ungesunde oder unangenehme Arbeit, z. B. diejenige des Kloakenreinigens, nach einer höheren Taxe als die angenehme Arbeit bezahlt werden könnte. Eine Stunde Kloakenreinigungsdienst wird, sagen sie, für 2 Arbeitsstunden eines Sprachlehrers rechnen.

Manche Kollektivisten nehmen auch die Entschädigung en bloc durch die Korporation an. Eine Korporation sagt z. B.: „Hier sind 100 Tonnen Stahl, die Produktion derselben ist durch 100 Arbeiter geschehen und wir haben darauf 10 Tage verwandt; da unser Arbeitstag 8 Stunden gewährt hat, so macht dies 8000 Arbeitsstunden für 100 Tonnen Stahl und 80 Stunden für eine Tonne.“ Für diese Arbeitsleistung soll ihnen dann der Staat 8000 Arbeitsbons à eine Stunde geben und diese 8000 Bons werden dann unter die Mitglieder der Fabrik nach deren Gutdünken verteilt.

Einen anderen Fall gesetzt: 100 Bergleute haben 20 Tage zur Förderung von 8000 Tonnen Kohle gebraucht; die Tonne Kohlen würde also einem Werte von 2 Arbeitsstunden gleichkommen. Diese 16 000 Bons à 1 Stunde werden der Korporation der Bergleute vom Staate ausgehändigt und diese verteilt sie dann nach Gutdünken unter ihren Mitglieder.

Wenn die Bergleute nun protestierten und sagten: die Tonne Stahl darf nur 6 Arbeitsstunden und nicht 8 kosten; wenn der Lehrer sich

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 127. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/143&oldid=- (Version vom 21.5.2018)