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heute 10 oder 100 mal so hoch bezahlt wird, als der Arbeiter, und wenn der Spinner dreimal soviel als ein Landarbeiter und zehnmal soviel als eine Arbeiterin in den Zündholzfabriken empfängt, dies nicht auf Grund ihrer „Produktionskosten“ geschieht. Es ist dies vielmehr die Folge eines Erziehungs- und Industriemonopols. Der Ingenieur, der Gelehrte und der Arzt beuten ebensogut ein Kapital – ihr Patent – aus, wie der Bourgeois eine Fabrik oder der Adlige seine Geburtstitel ausbeutete.

Wenn der Arbeitgeber den Ingenieur zuweilen 20 mal höher als den Arbeiter bezahlt, so tut er es auf Grund folgender sehr einfacher Rechnung: „Der Ingenieur kann mir bei der Produktion im Jahre 100 000 Francs ersparen, also – zahle ich ihm 20 000 Francs.“ Und wenn er einen Zwischenmeister findet, der recht geschickt ist, die Arbeiter in Schweiß zu bringen und der ihm jährlich an der Handarbeit 10 000 Francs ersparen kann, so ist er natürlich schnell bei der Hand, demselben 2 – 3000 Francs jährlich zu geben. Er verausgabt 1000 Francs im voraus mehr, weil er darauf rechnet, sie nachher 5fach wieder zu gewinnen; das ist das Wesen des kapitalistischen Regimes. Ebenso verhält es sich auch mit den Differenzen zwischen[WS 1] den Löhnen der verschiedenen Handarbeiten.

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Man komme uns nicht und spreche uns von „Produktionskosten“, welche die Arbeitskraft kostet und sage uns, daß ein Student, der seine Jugend lustig auf der Universität verbracht hat, Recht auf einen zehn mal so hohen Lohn hat, als das Kind eines Bergarbeiters, das sich von seinem 11. Lebensjahre in der Grube abquält, oder auch, daß ein Spinner drei oder viermal soviel an Lohn als ein Landarbeiter beanspruchen darf.

Die Kosten, die notwendig[WS 2] sind, um aus Jemand einen Spinner zu machen, sind nicht drei oder vier Mal so hoch, als die Kosten, welche die Erlernung der Landarbeit erfordert. Der Spinner profitiert einfach von den Vorteilen, in welchen sich die Spinnerei seines Landes im Verhältnis zu der anderer europäischer Länder, die in dieser Industrie noch zurückstehen, befindet.

Niemand hat übrigens jemals diese „Produktionskosten“ berechnet. Und wenn auch ein Müßiggänger der Gesellschaft mehr kostet als ein arbeitsamer Mensch, so bleibt immer noch zu wissen, ob nicht, alles gerechnet (die Sterblichkeit der Arbeiterkinder, die Blutarmut, die an ihnen nagt, die frühzeitigen Tode usw.) ein robuster Tagelöhner der Gesellschaft mehr kostet, als ein Handwerker.

Will man uns etwa glauben machen, daß z. B. der Lohn von 30 Sous (M. 1,20), welchen man der Pariser Arbeiterin zahlt, die 6 Sous (M. 0,24) der Bäuerin aus der Auvergne, die über ihrer Klöppelei erblindet, oder die 40 Sous (M. 1,60) Tagelohn des Bauern ihre „Produktionskosten“ darstellen? Wir wissen wohl, daß man häufiger für noch weniger arbeitet, wir wissen aber auch, daß man es ausschließlich tut, weil man dank unserer herrlichen Organisation ohne diese schändlichen Löhne des Hungers sterben müßte.

Für uns ist die Lohnskala ein äußerst kompliziertes Produkt von Steuern, staatlicher Bevormundung, Kapitalskonzentration, in einem

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: zwichen
  2. Vorlage: notwendg
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 130. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/146&oldid=3134337 (Version vom 3.6.2018)