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– und wir sollten sie in einer Gesellschaft dulden, deren erstes Werk die Proklamation der Gleichheit sein sollte?

Das ist auch der Grund, weshalb manche Kollektivisten die Unmöglichkeit einer Aufrechterhaltung der Lohnskala innerhalb einer vom Hauch der Revolution begeisterten Gesellschaft begreifen und sich zu proklamieren beeilen, daß die Löhne in der Zukunftsgesellschaft gleichgestellt werden. Doch sie stoßen auf neue Schwierigkeiten und ihre Gleichheit der Löhne wird sich als ebenso wenig verwirklicht erweisen als die Lohnskala der anderen Kollektivisten.

Eine Gesellschaft, die sich der gesamten sozialen Reichtümer bemächtigt und welche laut das Recht Aller auf diese Reichtümer erklärt hat – welchen Anteil sie auch früher an der Schaffung derselben gehabt haben – wird gezwungen sein, die ganze Idee des Entlohnens der Arbeit, sei es in Geld, in Arbeitsbons oder in irgend einer anderen Form, aufzugeben.

IV.

„Jedem nach seinen Werken“, sagen die Kollektivisten, oder in anderen Worten: Jeder nach den Diensten, die er der Gesellschaft erwiesen. Und man empfiehlt dieses Prinzip, obgleich es jetzt in Geltung steht, bevor die Revolution die Arbeitsinstrumente und alles, was zur Produktion notwendig ist, in Gemeineigentum verwandelt hat!

Nun, wenn die soziale Revolution so unglücklich sein sollte, dieses Prinzip zu reklamieren, so hieße das die Entwickelung der Menschheit hemmen, es würde bedeuten, das ungeheure soziale Problem, das uns von den vergangenen Jahrhunderten überkommen, ungelöst lassen.

In der Tat, in einer Gesellschaft wie der unsrigen, wo wir sehen, daß der Mensch, je mehr er arbeitet, um so weniger Lohn erhält, konnte dieses Prinzip auf den ersten Blick als ein Schritt zur Gerechtigkeit erscheinen. Im Grunde bedeutet es aber nur die Weihung der früheren Ungerechtigkeiten. Gerade mit diesem Prinzip ist das Lohnsystem auf die Welt gekommen, um schließlich in den schreiendsten Ungerechtigkeiten, allen den Ungeheuerlichkeiten zu endigen; denn gerade mit dem Tage, wo man die geleisteten Dienste in Geld oder jeder anderen Lohnform zu werten begann – mit dem Tage, wo man sagte, daß jeder nur das erhielte, was ihm gelänge, sich für seine Mühen zahlen zu lassen, war die gesamte Geschichte der kapitalistischen Gesellschaft mit der Hülfe des Staates im voraus geschrieben. Sie war in diesem Prinzip im Keime enthalten.

Sollen wir also auf den Ausgangspunkt zurückkehren und die gleiche Entwicklung von neuem durchmachen. Unsere Theoretiker wollen es: doch glücklicher Weise ist es unmöglich. Die Revolution, wiederholen wir, wird eine kommunistische sein; wenn nicht, so wird sie ein neues Blutbad in ihrem Gefolge haben.

*

Die der Gesellschaft geleisteten Dienste – sei es in der Fabrik oder auf den Feldern, oder auch die moralischen Dienste, sie können nicht in Münzeinheiten gewertet werden. Es kann kein exaktes Wertmaß für das,

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 132. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/148&oldid=- (Version vom 27.8.2018)