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KONSUMTION UND PRODUKTION.

I.

Wir betrachten die Gesellschaft und ihre politische Organisation von einem ganz anderen Gesichtspunkt aus, als die autoritären Schulen; wir gehen vom freien Individuum aus, um zur freien Gesellschaft zu gelangen, während jene bei dem Staate anfangen, um zum Individuum herabzusteigen. Dieselbe Methode verfolgen wir auch für die ökonomischen Fragen. Wir studieren die Bedürfnisse des Individuums und die Mittel, welche es zu ihrer Befriedigung anwendet, bevor wir uns daran machen über die Produktion, den Handel, die Steuern usw. zu diskutieren.

Auf den ersten Blick scheint dieser Unterschied ein minimaler zu sein. In der Tat wirft er aber alle Errungenschaften der offiziellen politischen Oekonomie über den Haufen.

*

Oeffnet irgend ein Werk eines Oekonomisten. Es beginnt mit der Produktion, der Analyse der Mittel, die heute angewendet werden, um den Reichtum zu schaffen: die Arbeitsteilung, die Manufaktur, das Maschinenwesen, die Kapitalsakkumulation. Seit Adam Smith bis auf Marx sind alle in dieser Weise vorgegangen. In dem zweiten oder dritten Band seines Werkes wird der Oekonomist erst von der Konsumtion, d. h. von der Befriedigung der individuellen Bedürfnisse diskutieren; und dann beschränkt er sich noch auf die Auseinandersetzung, wie sich die Reichtümer zwischen denen, die sich ihren Besitz streitig machen, verteilen.

Man wird vielleicht sagen, daß dies nur logisch ist; bevor man seine Bedürfnisse befriedigen kann, muß man erst die Befriedigungsmittel schaffen, man muß erst produzieren, um konsumieren zu können. Bevor man aber produziert – muß man da nicht das Bedürfnis nach dem ersehnten Produkt empfunden haben? War es nicht zuerst das Bedürfnis, das den Menschen auf die Jagd trieb, ihn bewog, das Schlachtvieh aufzuziehen, den Boden zu kultivieren, die ersten Werkzeuge herzustellen und später die Maschinen zu erfinden und zu erbauen? Ist es nicht auch das Studium der Bedürfnisse, nach welchem sich die Produktion richten

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 138. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/154&oldid=- (Version vom 27.8.2018)