Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/156

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Häuser nicht der Nachfrage genügen würden, und daher neun Zehntel der Europäer in Hütten wohnen müssen.

*

Gehen wir zur Nahrung über: Nachdem sie die Wohltaten der Arbeitsteilung aufgezählt haben, behaupten die Oekonomisten, diese Arbeitsteilung erfordere, daß die einen sich ausschließlich dem Ackerbau und die anderen ausschließlich der Industrie widmen. Die Ackerbauer produzieren so viel, die Manufakturen so und so viel, der Handel leistet und erfordert das und das. Nachdem sie dies festgestellt haben, analysieren sie dann endlich, was Verkauf, was Gewinn, Reingewinn oder Mehrwert, Lohn, Steuer, Bankwesen usw. ist.

Wenn wir ihnen bis dahin gefolgt sind, und eigentlich nicht weitergekommen sind, und sie nun fragen: „Wie kommt es, daß so viele Millionen menschlicher Wesen des Brotes ermangeln, während jede Familie doch den Getreidebedarf von 10, 20 und gar 100 Personen produzieren könnte“, so antworten sie damit, daß sie die alte Leier von der Arbeitsteilung, dem Lohne, Mehrwert, Kapital usw. von neuem beginnen. Schließlich kommen sie dann zu dem Schlusse, daß die Produktion unter ihren gegenwärtigen Voraussetzungen zur Befriedigung aller Bedürfnisse nicht ausreiche, ein Schluß, der, selbst wenn er wahr wäre, gar nicht unserer Frage entspricht, der Frage: Kann der Mensch oder kann er nicht durch seiner Hände Arbeit das Brot produzieren, dessen er bedarf? Und wenn er es nicht kann – was verhindert ihn daran?

Hier sind 350 Millionen Europäer. In jedem Jahre gebricht es ihnen an so und so viel Brot, so und so viel Fleisch, Wein, Eiern und Butter. Es gebricht ihnen an so und so viel Wohnräumen, so und so viel Bekleidungsstücken. Das ist das Minimum ihrer Bedürfnisse. Können sie dies alles produzieren? Und wenn sie es können, wird ihnen dann noch die nötige Muße bleiben, um sich Luxus, Kunstgegenstände zu verschaffen, sich der Wissenschaft und dem Vergnügen hinzugeben – mit einem Wort, sich alles das zu leisten, was nicht zu der Kategorie des unbedingt Notwendigen gehört? Wenn die Antwort bejahend lautet – wer verhindert uns, dahin zu gelangen? Was gilt es zu tun, die im Wege befindlichen Hindernisse hinfortzuräumen? Bedarf es der Zeit dazu? So möge man sich gedulden! Doch verlieren wir nicht das Ziel der ganzen Produktion aus dem Auge: die Befriedigung der Bedürfnisse.

Wenn aber die wichtigsten Bedürfnisse des Menschen unbefriedigt bleiben, – was muß man dann tun, um die Produktivität der Arbeit zu steigern? Welches sind die Gründe der Unproduktivität? Ist es nicht vor allen anderen die Tatsache, daß die Produktion, die Bedürfnisse des Menschen aus den Augen verlierend, eine absolut falsche Richtung angenommen hat, und daß ihre Organisation fehlerhaft ist? Und wenn wir dies konstatiert haben, so laßt uns das Mittel suchen, die Produktion derartig zu organisieren, daß sie wirklich allen Bedürfnissen genügt.

Das ist die einzige Art und Weise, die Dinge zu betrachten, die uns richtig erscheint: die einzige, welche die politische Oekonomie zu einer

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 140. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/156&oldid=- (Version vom 27.8.2018)