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zu entgehen. Zu jener Klasse gehören die Neu-Religiösen. Diese können sich wohl nicht mehr zu einem „absurden Glauben“ bekennen, aber sie geben sich dafür irgend einem Mysterienkultus hin, welcher vielleicht ein wenig origineller erscheint, keine präzisen Dogmen kennt und sich in einem Nebel konfuser Empfindungen verliert: sie nennen sich Spiritisten, Anbeter des „rose-croix“, Buddhisten oder Thaumaturgen. Angeblich Schüler von Cakyamouni, doch ohne sich die Mühe zu geben, die Doktrin ihres Meisters zu studieren, suchen jene melancholischen Herren und duftigen Damen ihren Seelenfrieden in dem Aufgehen im Nirwana.

Aber da sie unaufhörlich vom Ideal sprechen, so mögen diese „schönen Seelen“ darin ihre Stärkung finden. Materielle Wesen, wie wir es einmal sind, haben wir, wir müssen es zugestehen, die Schwäche an die Nahrung zu denken, denn sie hat uns oft gefehlt; doch jenseits des Brotes, jenseits des Wohlstandes und allen kollektiven Reichtums, welchen uns eine Bewirtschaftung unserer Felder beschaffen könnte, sehen wir in der Ferne eine neue Welt vor uns erstehen. In ihr werden wir uns aus vollem Herzen lieben und jener edlen Leidenschaft nach dem ideal genügen können, welche die Verächter des materiellen Lebens, jene ätherischen Anbeter des Schönen, des unlöschlichen Durst ihrer Seele nennen! Wenn es weder Reich noch Arm mehr gibt, wenn der Hungerleider nicht mehr neidischen Blickes den Gesättigten zu betrachten hat, wenn die natürliche Freundschaft unter den Menschen wiedererstanden ist, wenn die Religion der Solidarität, bis zum heutigen Tage unterdrückt, die Stelle jener vagen Religion eingenommen hat, welche flüchtige Bilder auf die eilenden Wolken des Himmels zeichnet, dann werden auch für uns die Zeiten ideeller Genüsse gekommen sein.

Die Revolution wird mehr als ihre Versprechungen halten. Sie wird die Quellen des Lebens erneuern, indem sie uns von dem ansteckenden Kontakt aller Polizei befreit und uns endlich jener niedrigen Beschäftigung mit dem Gelde, die unsere Lebensexistenz vergiftet, enthebt. Dann wird ein Jeder frei seinem Wege folgen können: der Arbeiter wird das ihm zusagende Werk vollbringen, der Forscher wird ohne Neben- und Hintergedanken studieren, der Künstler wird nicht mehr sein Schönheitsideal für seinen Broterwerb prostituieren, und als Freunde und in voller Harmonie werden wir alle das verwirklichen können, was der Seherblick des Poeten erschaut hat.

Dann ohne Zweifel wird man sich auch der Namen jener Männer und Frauen erinnern, welche durch ihre aufopfernde, mit Verbannung oder Gefängnis belohnte Propaganda die neue Gesellschaft vorbereitet haben. An sie denken wir, wenn wir „La Conquête du Pain“ herausgeben. Sie werden sich ein wenig gestärkt fühlen, indem sie dieses Zeugnis des Gemeingeistes durch das Gitter ihres Gefängnisses oder auf fremder Erde empfangen. Der Verfasser wird mir sicherlich zustimmen, wenn ich sein Buch allen jenen widme, welche für die Sache leiden, und besonders einem geliebten Freunde, dessen ganzes Leben ein Kampf für die Gerechtigkeit war. Ich mag hier nicht seinen Namen nennen, doch wenn er diese Worte eines Bruders liest, wird er am Schlagen seines Herzens wissen, daß er gemeint ist.

Elisée Reclus
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite XVI. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/16&oldid=- (Version vom 21.5.2018)