Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/162

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Produktivität der Nation zur Folge haben würde. Sie fuhren statt dessen fort, die „Teilung der Arbeit“ zu preisen.

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Wenn es übrigens nur Oekonomisten wären, welche die permanente und häufig erbliche Arbeitsteilung predigten, so würde man sich dies noch gefallen lassen. Doch diese Ideen, geäußert von den Lehrern der Wissenschaft, prägen sich dem Geist vieler Anderen ein und geben diesem eine verkehrte Richtung. Weil man unausgesetzt von der Arbeitsteilung als längst gelöstem Problem sprechen hört, so wird schließlich Jeder (selbst der Arbeiter) ebenso wie die Oekonomisten zum Verherrlicher dieses Fetisches.

So sehen wir selbst viele Sozialisten, und zwar solche, welche sich nicht gescheut haben, die Irrtümer der Wissenschaft anzugreifen, das Prinzip der Arbeitsteilung hoch achten. Sprecht mit ihnen über die Organisation der Gesellschaft während der Revolution und sie werden Euch antworten, daß die Arbeitsteilung unbedingt aufrecht erhalten werden müsse; und wenn Ihr vor der Revolution Nadelspitzen gemacht habt, so werdet Ihr es auch nach ihr tun – allerdings! Ihr werdet während Eures ganzen Lebens Nadeln zuspitzen, während Andere nur Maschinen oder Maschinenprojekte, die Euch während Eures Lebens die Zuspitzung von Milliarden von Nadeln erlauben, machen werden. Andere werden sich einzig den erhabenen Berufen literarischer, wissenschaftlicher, künstlerischer Beschäftigung widmen. Ihr aber seid zum Nadler geboren, wie Pasteur zum Hundswutimpfer, und die Revolution wird den Einen wie den Andern bei seinen Beschäftigungen belassen.

Ein furchtbares Prinzip, das ebenso schädlich der Gesellschaft, wie abstumpfend[WS 1] für das Individuum, und es ist die Quelle einer ganzen Reihe von Uebeln, die wir jetzt in ihren verschiedenen Manifestationen andeuten müssen.

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Man kennt die Konsequenzen der Arbeitsteilung. Wir sind jetzt in zwei Klassen geschieden: auf der einen Seite die Produzenten, die äußerst wenig verzehren, die nicht denken dürfen, weil sie arbeiten müssen, und die schlecht arbeiten, weil ihr Gehirn untätig bleibt; auf der andern Seite die Konsumenten, welche wenig oder garnichts produzieren, und das Privilegium haben, für die Andern zu denken, aber schlecht denken müssen, weil ihnen eine ganze Welt, nämlich die der Handarbeiter, unbekannt bleibt. Die Landarbeiter verstehen nichts von der Maschine, und diejenigen, welche die Maschinen bedienen, nichts von der Feldarbeit. Das Ideal der modernen Industrie ist ein Kind, das eine Maschine bedient, deren Mechanismus es nicht begreifen kann, und Aufseher, welche es mit Strafen belegen, wenn einmal seine Aufmerksamkeit erlahmt. Man sucht sogar den Feldarbeiter gänzlich überflüssig zu machen. Das Ideal der industriellen Landwirtschaft ist ein Maschinist, den man für drei Monate mietet, und der einen Dampfpflug oder eine Dreschmaschine führt. Die Arbeitsteilung ist der Mensch, der für sein ganzes Leben zum Knotenschürzen in einer Weberei, zum

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: abstumpend
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 146. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/162&oldid=3423076 (Version vom 27.8.2018)