Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/163

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Bedienen der Maschine in einer Fabrik, oder zum Wagenstoßen in einem Bergwerk verdammt und geeicht ist und deswegen keine Ahnung von der Gesamtheit der Maschine, der Industrie oder des Bergwerks haben kann; der deshalb die Lust zur Arbeit und jegliche Erfindungsgabe, gerade die Eigenschaften verliert, die im Kindesalter der modernen Industrie jenen Werkzeugsapparat geschaffen haben, auf den wir heute so stolz sind.

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Was man für die Menschen getan hat, man wollte es auch für die Nationen tun. Die Menschheit sollte sich in nationale Werkstätten teilen, von denen jede ihre Spezialität hätte. Rußland – lehrte man uns – ist von der Natur dazu bestimmt, Getreide zu bauen; England Baumwollstoffe zu fabrizieren; Belgien, Tuche anzufertigen, während die Schweiz alle Länder mit Bonnen[WS 1] und Erzieherinnen versorgen muß. Innerhalb jeder Nation sollte man sich dann noch weiter spezialisieren: Lyon sollte nur Seidenwaren, die Auvergne nur Spitzen und Paris nur Phantasieartikel machen. Damit wäre, behaupteten die Oekonomisten, der Produktion wie der Konsumtion ein unbegrenztes Feld eröffnet und eine Aera der Arbeit und ungeheuren Reichtums eingeleitet worden.

Doch diese großen Hoffnungen schwanden nach Maßgabe, als das technische Wissen mehr und mehr Allgemeingut wurde. Solange England allein Baumwollen- und Metallwaren im Großen produzierte usw., ging alles gut: man konnte die Arbeitsteilung predigen, ohne ein Dementi befürchten zu müssen.

Aber eine neue Strömung ergreift die zivilisierten Nationen und veranlaßt sie, es mit allen Industrien bei sich selbst zu versuchen; sie finden es vorteilhaft, selbst zu fabrizieren, was sie ehemals von anderen Ländern empfingen; und selbst die Kolonien sind schon bestrebt, sich von ihrem Mutterland zu emanzipieren. Wo die Entdeckungen der Wissenschaft Allen zugänglich sind, ist es unnütz, künftig noch dem Auslande einen übertriebenen Preis für das zu bezahlen, was man sich leichter selbst produzieren kann. – Ist diese Revolution, welche wir heute in der Industrie erleben, nicht ein Faustschlag ins Gesicht der Theorie der Arbeitsteilung[WS 2]?

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Kindermädchen
  2. Vorlage: Arbeisteilung
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 147. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/163&oldid=3165682 (Version vom 13.6.2018)