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Und warum sollte sie es nicht tun? Was mangelt ihr daran? – Das Kapital? Das Kapital ist überall zu finden, wo es Hungerleider auszubeuten gibt. – Das Wissen? Das Wissen kennt keine nationalen Grenzpfähle. – Die technischen Kenntnisse des Arbeiters? Der erwachsene indische Hindu sollte zurückstehen hinter den 92 000 Knaben und Mädchen unter 15 Jahren, die gegenwärtig in den Textilmanufakturen Englands beschäftigt sind?

II.

Nachdem man einen Blick auf die nationalen Industrien geworfen hat, wäre es vielleicht nicht minder interessant, die Spezialindustrien einer gleichen Betrachtung zu unterziehen.

Nehmen wir z. B. die Seide, ein in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vorzugsweise französisches Produkt. Man weiß, daß Lyon das Zentrum für die Verarbeitung der Seide war, die man anfangs nur im Süden Frankreichs baute, welche man aber allmählich auch in Italien, Spanien, Oesterreich, dem Kaukasus und Japan aufkaufte, um sie in Lyon zu verarbeiten. Auf die 5 Millionen Kilo Rohseide, die man im Jahre 1875 in der Gegend von Lyon zu Seidenstoffen verarbeitete, kamen nur 400 000 Kilo französischer Seide.

Doch da Lyon mit importierter Seide arbeitete, warum sollte es da die Schweiz, Deutschland, Rußland nicht ebenso machen? Die Seidenspinnerei entwickelte sich allmählich in den Dörfern um Zürich. Auch Basel wurde ein großes Zentrum für Seidenfabrikation. Die Behörden des Kaukasus forderten Frauen von Marseille und Arbeiter von Lyon auf, nach dort zu kommen und den Georgiern die vervollkommnete Zucht der Seidenraupe und den Bauern des Kaukasus die Verarbeitung von Rohseide zu Stoffen zu lehren. Auch Oesterreich blieb nicht untätig. Und Deutschland errichtete mit der Hülfe von Lyoner Arbeitern große Seidenfabriken. Die Vereinigten Staaten taten das Gleiche in Paterson.

Und heute ist die Seidenindustrie weit entfernt, eine speziell französische Industrie zu sein. Man fabriziert Seidenstoffe in Deutschland, Oesterreich, den Vereinigten Staaten und England. Die Bauern des Kaukasus weben im Winter die Seidenstoffe zu einem Preise, bei dem die Hausweber von Lyon ohne Brot bleiben würden. Italien versendet Seide nach Frankreich; und Lyon, welches in den Jahren 1870–1874 für 460 Millionen Francs Seide exportierte, exportiert heute nur noch für 233 Millionen Francs. Bald wird Lyon nur noch die besten Qualitäten nach dem Ausland versenden oder einige Neuheiten – die dann den Deutschen, Russen und Japanern als Muster dienen werden.

Ebenso ist es mit allen anderen Industrien. Belgien hat nicht mehr das Monopol der Tuche, man macht sie jetzt auch in Deutschland, Rußland, Oesterreich und den Vereinigten Staaten. Die Schweiz und der französische Jura haben nicht mehr das Monopol der Uhrenfabrikation; man macht sie überall. Schottland raffiniert nicht mehr den Zucker für Rußland: man importiert russischen Zucker nach England; Italien, obgleich es weder Eisen noch Kohle hat, schmiedet sich selbst seine Panzerschiffe und fabriziert selbst die Maschinen für seine Dampfboote; die chemische[WS 1]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: chemiche
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 152. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/168&oldid=- (Version vom 21.5.2018)