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Doch dieses Problem wird nicht auf dem Wege der Gesetzgebung gelöst werden können. Dies bildet sich auch niemand ein. Der Arme, wie der Reiche begreift, daß weder die gegenwärtigen Regierungen, noch diejenigen, welche aus einer politischen Revolution als Regierende hervorgehen könnten, im Stande sein würden, die Lösung zu finden. Man fühlt die Notwendigkeit der sozialen Revolution, und Reiche, wie Arme verheimlichen es sich nicht, daß diese Revolution nahe ist, daß sie jeden Tag ausbrechen kann.

Von wo wird die Revolution kommen? Wir wird sie sich ankündigen? Niemand kann diese Fragen beantworten. Dies liegt alles im Dunkel. Aber diejenigen, welche beobachten und denken, gehen nicht in dieser ihrer Empfindung fehl: Arbeiter und Ausbeuter, Revolutionäre und Reaktionäre, Geistes- und Handarbeiter, alle fühlen, daß sie vor den Toren ist.

Und was werden wir tun, wenn die Revolution ausgebrochen ist?

Wir haben im allgemeinen die dramatische Seite der Revolutionen studiert, aber ihr wahrhaft revolutionäres Werk liegt nicht in der Inszenierung, in dem Kampf der ersten Tage, im Barrikadenbau usw., denn dieser Kampf, dieses erste Scharmützel ist bald entschieden. Erst nach der Niederlage der alten Regierungen beginnt das eigentliche Werk der Revolution.

Unfähig und ohnmächtig, von allen Seiten angegriffen, werden die Regierungen schnell vom Hauche der Revolution weggefegt sein. Nach Verlauf weniger Tage gab es im Jahre 1848 keine bürgerliche Monarchie mehr, und als ein Fiaker Louis-Philipp über die Grenze führte, dachte Paris nicht mehr an den Ex-König. Am 18. März 1871 war Paris innerhalb weniger Stunden von der Regierung Thiers befreit und damit eigener Herr seiner Geschicke. Und trotzdem waren die Erhebungen von 1848 und 1871 nur politischer Natur. Vor der Volksrevolution werden die Regierenden mit überraschender Schnelligkeit verschwinden. Ihr erstes wird die Flucht sein, unter dem Vorbehalt allerdings, noch anderswo zu konspirieren und sich so die Rückkehr zu ermöglichen.

Die alte Regierung ist beseitigt, die Armee zaudert gegenüber den hochgehenden Wogen der Volkserhebung und gehorcht nicht mehr ihren Führern; diese haben sich übrigens auch kluger Weise aus dem Staub gemacht. Die Arme gekreuzt, läßt das Heer den Dingen ihren Gang oder geht auch mit gesenkter Waffe zu den Aufständigen über. Die Polizei – mit schlenkernden Armen – weiß nicht mehr, ob sie dreinschlagen oder „vive la commune“ rufen soll; und die Schutzleute suchen ihr Heim auf – „der neuen Regierung entgegengehend“. Die Großbürger schnallen ihre Reisekoffer und suchen einen sicheren Ort zu gewinnen. Das Volk allein bleibt auf dem Schauplatze. – So wird sich die Revolution ankündigen.

In mehreren Großstädten zugleich wird die Kommune proklamiert. Tausende von Menschen drängen sich auf den Straßen und eilen abends in die improvisierten Klubs; man fragt sich: „Was ist zu tun?“ und diskutiert eifrig die öffentlichen Angelegenheiten. Jedermann interessiert sich für sie, die Indifferenten von gestern sind vielleicht die eifrigsten.

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/30&oldid=- (Version vom 21.5.2018)