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stattfinden, welche an die Bedürfnisse des Volkes denkt, bevor sie Pflichten predigt.

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Dieses wird sich nicht durch Dekrete verwirklichen, sondern einzig durch die unmittelbare und wirkliche Besitzergreifung alles dessen, was zur Sicherung des Lebens Aller gehört: das ist die einzige, auch wissenschaftliche Art, vorzugehen, die einzige auch, welche von der Masse des Volkes ersehnt und begriffen wird.

Besitzergreifen im Namen des revoltierenden Volkes von den Getreidelagern, von den Magazinen, welche strotzen von Bekleidungsmitteln, von den Wohnhäusern. Nichts zu verschwenden, sofort sich zu organisieren, jegliche Notdurft Rechnung tragen, um allen Bedürfnissen zu genügen, um zu produzieren, nicht mehr im Interesse von irgend jemandes Einkünften, sondern zur Sicherung des Lebens und der Entwicklung der Gesellschaft.

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Fort mit jenen zweideutigen Forderungen, wie das „Recht auf Arbeit“, mit welchen man das Volk im Jahre 1848 gelockt hat und noch heute zu locken sucht. Haben wir den Mut, anzuerkennen, daß der Wohlstand, da er möglich, sich auch um jeden Preis verwirklichen muß.

Als die Arbeiter im Jahre 1848 das „Recht auf Arbeit“ forderten, organisierte man National- und Munizipal-Werkstätten und schickte die Arbeiter hinein, damit sie sich dort für tägliche 40 Sous (Mk. 1,60) abquälen sollten! Als sie die „Organisation der Arbeit“ forderten, antwortete man ihnen: „Geduldet Euch, meine Freunde, die Regierung wird sich damit beschäftigen, und für heute nehmt diese 40 Sous (Mk. 1,60). Ruhet Euch aus, Ihr armen Arbeiter, die Ihr Euer ganzes Leben Euch gequält habt.“ Und unterdessen fuhr man die Kanonen auf. Man zog die Reserve und den Landsturm ein, man vernichtete die Organisation der Arbeiter durch tausenderlei Mittel. Und eines schönen Tages sagte man zu ihnen: „Geht nach Afrika, um dort Kolonien zu gründen oder wir schießen Euch über den Haufen.“

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Ganz anders wird das Resultat sein, wenn die Arbeiter das Recht auf den Wohlstand fordern. Sie proklamieren dadurch zugleich ihr Recht, sich des ganzen sozialen Reichtums zu bemächtigen, Besitz von den Häusern zu ergreifen und sich in ihnen entsprechend den Bedürfnissen jeder Familie einzurichten, die aufgehäuften Lebensmittel an sich zu reißen, zu genießen, damit sie endlich einmal den Wohlstand kennen lernen, nach dem sie so lange sich gesehnt haben. Sie proklamieren ihr Recht auf alle Reichtümer – als der Frucht der Arbeit vergangener und gegenwärtiger Generationen; und sie werden sich ihrer bedienen, um endlich einmal die hohen Genüsse der Kunst und der Wissenschaft kennen zu lernen, die nur zu lange das ausschließliche Eigentum der Bourgeoisie gewesen sind.

Und indem sie ihr Recht auf den Wohlstand erklären, erklären sie gleichzeitig – was das Wichtigste ist – ihr Recht, selbst darüber

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/33&oldid=- (Version vom 21.5.2018)