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der Baumwollenindustrie in England und Frankreich beigetragen, und zwar in dem gleichen Maße, als jene Mädchen, welche in den Manufakturen von Manchester und Rouen verkümmern, oder jener Ingenieur, welcher (infolge des schmerzlichen Eindrucks, den das Bild einer solchen Arbeiterin in ihm hinterlassen) auf irgendeine Vervollkommnung der Webeinstrumente gekommen ist.

Wie will man den Teil abschätzen, welcher von den Reichtümern‚ an deren Aufhäufung wir alle mitarbeiten, auf Jeden entfällt?

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Wenn wir uns der Produktion gegenüber auf einen allgemeinen vergleichenden Standpunkt stellen, so können wir uns nicht der Meinung der Kollektivisten anschließen, daß eine Entschädigung nach der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden ein Ideal oder auch nur ein Schritt dem Ideal zu ist. Wir wollen hier nicht darüber diskutieren, ob sich in der gegenwärtigen Gesellschaft der Tauschwert der Waren wirklich nach der in ihnen enthaltenen Arbeitsmenge bemißt, – was Smith und Ricardo behauptet haben und was Marx von ihnen übernommen hat; es genügt mir, unter Vorbehalt, später noch einmal darauf zurückzukommen, hier zu konstatieren, daß das kollektivistische Ideal uns unausführbar erscheint in einer Gesellschaft, welche die Produktionsmittel als ein Allen überkommenes Erbe ansieht. Basiert man eine Gesellschaft auf diesem letzteren Prinzip, so wird man sich auch gezwungen sehen, zu gleicher Zeit das ganze Lohnsystem aufzugeben.

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Wir sind der Ueberzeugung, daß der gemilderte Individualismus des kollektivistischen Systems unvereinbar ist mit jenem partiellen Kommunismus, den es in Gestalt des Gemeineigentums am Grund und Boden und an Arbeitsinstrumenten aufweist. Eine neue Produktionsform bedingt auch eine neue Verteilungsform der Produkte. Eine neue Produktionsweise kann ebensowenig, als sie sich der alten politischen Organisationsform anpassen konnte, die alte Konsumtionsform beibehalten.

Das Lohnsystem hat seinen Ursprung in der persönlichen Aneignung des Grund und Bodens und der Arbeitsinstrumente durch einige Wenige. Es war dies eine notwendige Bedingung für die Entwicklung der kapitalistischen Produktion; das Lohnsystem wird mit dieser verschwinden, selbst wenn man es unter der Form der „Arbeitsbons“ wird vermummen wollen. Der Gemeinbesitz an den Arbeitsinstrumenten führt notwendig zum gemeinschaftlichen Genuß der aus gemeinsamer Arbeit stammenden Produkte.

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Wir behaupten außerdem, daß der Kommunismus nicht allein wünschenswert ist, sondern auch, daß die gegenwärtigen Gesellschaften, begründet auf dem Individualismus, gezwungen sind, sich ständig dem Kommunismus zu nähern.

Die Entwicklung des Individualismus während der letzten drei Jahrhunderte erklärt sich hauptsächlich aus den Bemühungen des Menschen, sich gegen die Macht des Staates und des Kapitals zu

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 20. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/36&oldid=- (Version vom 21.5.2018)