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der Kammer und in den Kreisversammlungen, mit einem Wort an Diejenigen, welche keine Meinung haben. Die Menschheit sucht und findet neue Wege.

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Der internationale Postverein, die Vereinigung der Eisenbahnen, die wissenschaftlichen Gesellschaften liefern uns ein Beispiel für die Lösung, die man auf dem Wege der freien Vereinbarung an Stelle des Gesetzes gefunden hat.

Wenn heute die über alle vier Windrichtungen des Erdballs verstreuten Gruppen sich zu irgend einem gemeinsamen Ziel organisieren wollen, so ernennen sie nicht mehr ein internationales Parlament von Deputierten mit unumschränkter Vollmacht, zu denen man sagt: „Beschließet Gesetze, wir gehorchen“. Nein, wenn man sich heute nicht direkt oder auf dem Wege der Korrespondenz verständigen kann, so schickt man sachverständige Delegierte zum Verhandeln und sagt diesen: „Versucht Euch über diese oder jene Frage zu einigen und kommt dann zurück – aber nicht mit einem Gesetze in der Tasche, sondern mit einem Verständigungsvorschlag, den wir dann annehmen werden oder nicht.“

In dieser Weise handeln die großen industriellen Kompagnien, die wissenschaftlichen Gesellschaften, die Vereinigungen aller Art, die sich heute schon über ganz Europa und die Vereinigten Staaten verbreiten. Und in gleicher Weise wird eine befreite Gesellschaft handeln müssen. Um die Expropriation durchzuführen, wird es ihr absolut unmöglich sein, sich nach dem Prinzip der parlamentarischen Repräsentation zu organisieren. Eine auf der Leibeigenschaft begründete Gesellschaft konnte sich mit der Monarchie abfinden, eine auf dem Lohnsystem und der Ausbeutung der Massen durch die Kapitalbesitzer basierte Gesellschaft konnte sich dem Parlamentarismus anpassen. Aber eine freie Gesellschaft, eine Gesellschaft, die in Besitz des Allen zukommenden Erbes tritt, muß in der freien Gruppierung, in der freien Föderation der Gruppen eine neue Organisation finden, eine Organisation, die der neuen ökonomischen Phase der Geschichte entspricht.

Jeder ökonomischen Phase entspricht eine politische Phase, und es wird unmöglich sein, an dem Eigentum zu rütteln, ohne zugleich einen neuen Modus des politischen Lebens zu finden.

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 27. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/43&oldid=- (Version vom 21.5.2018)