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man gab unumschränkte Vollmacht der Bergpartei, der Kommune von Paris. Die Kommune bemühte sich auch in der Tat, für Brot zu sorgen. Sie machte heroische Anstrengungen, Paris zu ernähren. In Lyon errichteten Fouché und Collot d’Herbois Speicher, aber um sie zu füllen, verfügte man über äußerst spärliche Mittel. Die Munizipalgewalten zermarterten sich den Kopf, um Getreide herbeizuschaffen; man hängte die Bäcker, welche es aufgekauft hatten, – doch stets und ständig mangelte Brot.

Da hielt man sich dann an die royalistischen Verschwörer. Man guillotinierte ihrer täglich 12, 15 – Lakaien vermischt mit Herzoginnen, namentlich aber Lakaien, da die herzoglichen Gnaden nach Koblenz geflüchtet waren. Aber hätte man alle 24 Stunden hundert Herzoge und Grafen köpfen können, – nichts wäre geändert worden.

Das Elend wuchs mehr und mehr. Da man, um leben zu können, eines anständigen Lohnes bedurfte, und da dieser Lohn nicht kam – was konnten da 1000 mehr oder weniger Leichname nützen?

*

Das Volk begann jetzt müde zu werden. „Sie geht ja prächtig, eure Revolution!“ raunte der Reaktionär dem Arbeiter in die Ohren. „Niemals habt ihr bisher in solchem Elend gelebt!“ Und allmählich gewann der Reiche wieder Mut, verließ sein Versteck, verspottete die Hungerleider durch seinen pomphaften Luxus, kleidete sich wieder als Stutzer und sagte zu den Arbeitern: „Nehmt doch Vernunft an, genug der Torheiten! Was habt ihr mit eurer Revolution erreicht? Es ist Zeit, daß ihr ein Ende macht!“

Und zerrissenen Herzens, am Ziele seiner Geduld, mußte sich schließlich der Revolutionär sagen: „Die Revolution ist wieder einmal verloren!“ Er kehrte in sein elendes Heim zurück und ließ den Dingen ihren Lauf.

Und nun zeigte sich die Reaktion in ihrem vollen Hochmut und machte ihren Staatsstreich. Da die Revolution tot war, hatte sie nur ihren Leichnam mit Füßen zu treten.

Und man tat es. Man vergoß Ströme von Blut; der „weiße Schrecken“ bevölkerte die Gefängnisse, während die Orgien der hohen Faulenzer ihren Gipfel erreicht.

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Das ist das Bild aller unserer Revolutionen. Im Jahre 1848 erduldete der Pariser Arbeiter „drei Monate Elends“ im Dienste der Republik und nach Verlauf von drei Monaten, als er nicht mehr wußte, wo aus noch ein, machte er seine letzte verzweifelte Anstrengung, – und diese wurde dann in einem Blutbade erstickt.

Im Jahre 1871 ging die Kommune aus Mangel an Kämpfern zu Grunde. Sie hatte nicht vergessen, die Trennung von Kirche und Staat zu dekretieren, aber sie hatte zu spät daran gedacht, allen ihren Kämpfern den Lebensunterhalt zu sichern. Und das hohe Schmarotzertum rief den Föderierten in Paris höhnend zu: „Gehet, ihr Esel, und laßt euch für 1,20 Mk. töten; wir werden in dem Hotel ersten Ranges schmausen!“ In den letzten Tagen der Kommune begriff man wohl

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 40. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/56&oldid=- (Version vom 21.5.2018)