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III.

Der vorherrschende unterscheidende Zug des gegenwärtigen kapitalistischen Systems ist das Lohnsystem.

Ein Mann oder eine Gruppe von Männern, die sich im Besitze des nötigen Kapitals befinden, gründen ein industrielles Unternehmen; sie stellen sich die Aufgabe, die angelegte Manufaktur oder Fabrik mit Rohstoffen zu versehen, die Produktion zu organisieren, die hergestellten Waren zu verkaufen, den Arbeitern einen festen Lohn zu zahlen; den Mehrwert oder den Gewinn stecken sie in die Tasche, unter dem Vorwande, sich für ihre Tätigkeit als Leiter des Unternehmens oder für das Risiko, das sie eingegangen waren, oder für die Preisschwankungen, denen die Ware auf dem Markte unterliegen zu entschädigen.

Das ist in wenigen Worten das ganze Lohnsystem.

Um dieses System zu retten, würden die gegenwärtigen Kapitalbesitzer zu gewissen Konzessionen bereit sein: z. B. einen Teil des Gewinnes mit den Arbeitern zu teilen, oder auch eine Lohnskala einzuführen, die sie zwingt, mit dem Wachsen des Gewinnes auch den Lohn steigen zu lassen, – kurz, sie würden sich zu gewissen Opfern verstehen, vorausgesetzt, daß man ihnen stets das Recht ließe, die Industrie zu leiten und den Hauptanteil am Gewinne in ihre Tasche fließen zu lassen.

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Der Kollektivismus beabsichtigt, wie man weiß, sehr wichtige Aenderungen dieses Regimes, erhält aber nichtsdestoweniger das Lohnsystem aufrecht. Nur der Staat, d. h. die repräsentative Regierung, nationaler oder kommunaler Natur, setzt sich an die Stelle des heutigen Arbeitgebers. Es sind die Repräsentanten der Nation oder der Kommune, ihre Delegierten, ihre Beamten, welche die Leiter der Industrie werden. Sie sind es auch, welche sich das Recht vorbehalten, den Mehrwert der Produktion im Interesse Aller zu verwenden. Außerdem macht man in diesem System einen sehr feinen, in seinen Konsequenzen aber weittragenden Unterschied zwischen der Arbeit des Handarbeiters und des Mannes, der eine gewisse Vorbildung erhalten hat; die Arbeit des Handarbeiters ist in den Augen der Kollektivisten nur eine „einfache“, während der Künstler, der Ingenieur, der Gelehrte usw. nach ihrer Meinung das verrichten, was Marx „eine komplizierte Arbeit“ nennt; – damit wird ihr Recht auf einen höheren Lohn motiviert. Indes Handarbeiter wie Ingenieure, Weber wie Gelehrte, werden vom Staate bezahlt, „sie sind alle Beamte, keine Herren“, wie man letzthin sagte, um die Pille zu versüßen.

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Nun, der größte Dienst, den die kommende Revolution der Menschheit erweisen kann, wird in der Schaffung einer Situation bestehen, in der jedes Lohnsystem unmöglich, undurchführbar wird, in der sich als einzig annehmbare Lösung der Kommunismus, d. h. die Negation des Lohnsystems aufdrängen wird.

Denn nimmt man selbst an, daß die Verwirklichung des kollektivistischen Ideals möglich ist, wenn sie sich schrittweise in einer

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 44. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/60&oldid=3126475 (Version vom 21.5.2018)