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Periode der Prosperität und der Ruhe vollzieht (wir bezweifeln es selbst unter diesen Bedingungen), so wird sie sich in einer revolutionären Epoche als ganz unmöglich erweisen, da sich schon am ersten Tage nach der Waffenergreifung die Notwendigkeit herausstellen wird, Millionen von Menschen zu ernähren. Eine politische Revolution kann sich vollziehen, ohne daß die Industrie total ins Stocken gerät, eine Revolution indessen, in der das Volk Hand an das Eigentum legt, wird unvermeidlich zu einem sofortigen Stillstand des Handels und der Produktion führen. Die Millionen des Staates würden nicht dazu genügen, um die Millionen von Arbeitslosen mit Lohn zu versehen.

Wir brauchten übrigens nicht lange bei diesem Punkte zu verweilen; die Reorganisation der Industrie auf neuen Basen – und wir werden bald sehen, wie gewaltig dieses Problem ist – wird sich nicht in einigen Tagen vollziehen, und das Proletariat wird nicht Jahre des Elends im Dienste der Theoretiker des Lohnsystems auf sich nehmen können. Um die kritische Periode überwinden zu können, wird das Volk fordern, was es immer in einem ähnlichen Falle gefordert hat: die Erklärung der Lebensmittel als Gemeinbesitz, – ev. ihre rationsweise Umverteilung.

Man wird gut haben, Geduld zu predigen; das Volk wird sich nicht mehr geduldigen, und wenn die Lebensmittel nicht als Gemeinbesitz erklärt werden, so wird es die Bäckereien plündern.

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Wenn der Ansturm des Volkes nicht genügend stark ist, wird man es füsilieren. Um den Kollektivismus erproben zu können, bedarf es vor Allem der Ordnung, der Disziplin, des Gehorsams. Und da die Kapitalisten bald bemerken werden, daß ein Füsilieren des Volkes durch diejenigen, welche sich Revolutionäre nennen, das beste Mittel ist, um ihm die Revolution zu verleiden, – so werden sie sicherlich ihre Hilfe den Verteidigern der „Ordnung“, selbst wenn sie Kollektivisten sind, leihen. Sie werden darin ein Mittel erblicken, diese später gleichfalls zu zermalmen.

Wenn „die Ordnung wieder hergestellt“ ist, so sind die Konsequenzen leicht vorherzusehen. Man wird sich nicht darauf beschränken, die „Plünderer“ zu füsilieren. Man wird die „Urheber der Unordnung“ suchen, Gerichtshöfe einsetzen, die Guillotine errichten; und gerade die glühendsten Revolutionäre werden das Schafott besteigen. Man wird ein neues 1793 erleben.

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Vergessen wir nicht, wie die Reaktion im vergangenen Jahrhundert triumphierte. Man guillotinierte zuerst die Hébertisten, die Radikalsten – jene, welche Mignet, unter dem frischen Eindruck der Kämpfe stehend, Anarchisten nannte. Die Dantonianer sollten ihnen bald folgen; und als die Anhänger Robespierres diese Revolutionäre geköpft hatten, mußten auch sie das Schafott besteigen; – nach alledem von Ekel erfüllt, und die Revolution als verloren betrachtend[WS 1], ließ das Volk den Reaktionären freie Bahn.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: betrachend
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 45. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/61&oldid=3128188 (Version vom 21.5.2018)