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stecken gehabt haben, um daran zu zweifeln. Sprechet nur über das Organisationstalent des „großen Unbekannten“, des Volkes, mit denen, die Gelegenheit gehabt haben, es in Paris in den Tagen des Barrikadenbaues zu beobachten oder in London während des letzten großen Streikes, welcher eine halbe Million Hungerleider zu ernähren hatte, und sie werden Euch sagen, um wie vieles es dem der Bürokraten überlegen ist.

Und sollte man übrigens während der ersten vierzehn Tage oder des ersten Monats eine gewisse Unordnung zu ertragen haben – so ist dies ohne Belang. Für die Massen wird dieser Zustand stets noch besser als der heutige sein; und dann – während der Revolution – diniert man lachend oder vielmehr diskutierend bei einem Würstchen und trockenem Brot, ohne zu murren. In jedem Fall, was sich spontan ergeben wird – unter dem Druck der unmittelbaren Bedürfnisse – wird unendlich viel besser sein, als das, was man innerhalb seiner vier Mauern, inmitten alter Scharteken oder in den Büros des Hotel-de-Ville aushecken kann.

IV.

Das Volk der großen Städte wird auf diese Weise durch die Macht der Ereignisse selbst dazu geführt werden, sich aller Lebensmittel zu bemächtigen, und, vom Einfachen zum Komplizierten schreitend, die Bedürfnisse aller seiner Bewohner zu befriedigen suchen. Je früher dies geschieht, um so besser wird es sein; man wird ebensoviel Elend verhüten, ebensoviele innere Kämpfe vermeiden.

Doch auf welchen Grundlagen könnte man sich für einen kommunistischen Genuß der Lebensmittel organisieren? Dies ist eine Frage, die sich naturnotwendig ergibt.

Nun, es gibt nicht zwei verschiedene Wege, um gerecht vorzugehen. Es gibt nur einen, einen einzigen, der den Empfindungen der Gerechtigkeit entspricht und welcher wirklich praktisch ist. Es ist das von den ländlichen Kommunen Europas bereits adoptierte System.

Nehmet eine Bauerngemeinde, ganz gleich wo, sagen wir in Frankreich, obgleich dort die Jakobiner Alles getan haben, um ihre kommunistischen Gebräuche zu ersticken. Wenn die Kommune beispielsweise einen Wald besitzt, so hat jeder, solange nicht Mangel an Reisig herrscht, das Recht, sich davon nach Belieben zu nehmen. Die einzige wichtige Kontrolle bildet die öffentliche Meinung seiner Nachbarn. Was das größere Holz anbelangt, dessen man nirgends genug hat, so nimmt man zu einer rationsweisen Verteilung seine Zuflucht.

Dasselbe gilt von den Gemeindewiesen. Solange diese für die Gemeinde genügen, kontrolliert Niemand, weder was die Kühe jeder einzelnen Wirtschaft gefressen haben, noch eine wie große Anzahl von ihnen auf die Weide gehen. Man greift einzig zur Aufteilung – oder zur rationsweisen Verteilung – wenn sich die Wiesen als unzureichend erweisen. Die gesamte Schweiz und viele Gemeinden in Frankreich und in Deutschland, überall wo es noch Gemeindewiesen gibt, befolgen dieses Prinzip.

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 47. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/63&oldid=3128207 (Version vom 21.5.2018)