Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/70

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Man kann einen derartigen Zustand der Dinge mit der Feder in der Hand erträumen; seiner Verwirklichung indessen stehen unüberwindliche Hindernisse im Wege; man müßte denn annehmen, die Menschheit hätte kein Unabhängigkeitsbedürfnis. Seine Verwirklichung bedeutet die allgemeine Empörung: drei oder vier Vendéen an Stelle einer, den Krieg der Dörfer gegen die Städte, die Erhebung von ganz Frankreich gegen die Stadt, die ihm ein derartiges Regime aufzuzwingen wagte.

Genug dieser jakobinerischen Utopien! Sehen wir, ob man sich nicht anders organisieren kann.

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Im Jahre 1793 hungerte das Land die großen Städte aus und tötete so die Revolution. Es ist jedoch erwiesen, daß die Getreideproduktion Frankreichs in den Jahren 1792/93 keineswegs zurückgegangen war; alles läßt sogar darauf schließen, daß sie sich vermehrt hatte. Nachdem man von einem großen Teil der lehnsherrlichen Ländereien Besitz ergriffen und von diesen Gefilden die Ernten eingebracht hatte, wollten jedoch die ländlichen Bourgeois ihr Getreide nicht gegen „Assignaten“ (Geldanweisungen) verkaufen. Sie behielten ihr Getreide und warteten auf Preissteigerungen oder Zahlung in Gold. Und weder die strengsten Maßnahmen der Konvention, um sie zum Verkauf des Getreides zu zwingen, noch Exekutionen waren von Wirksamkeit. Obwohl man wußte, daß die Kommissäre der Konvention sich nicht lange besannen, um die Aufkäufer von Getreide zu guillotinieren, noch daß das Volk zögerte, sie an die Laternen zu knüpfen: das Getreide blieb in den Speichern, und das Volk der Städte litt Hunger.

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Aber was bot man auch den Bauern als Austausch gegen das Resultat ihrer schweren Mühen?

– „Assignaten“, Papiergeld, dessen Wert von Tag zu Tag fiel, bedruckte Papierfetzen, die auf 500 Francs lauteten, jedoch ohne jeden reellen Wert waren. Für ein Billet, das auf 1000 Franks lautete, konnte man sich kaum ein paar Stiefel kaufen; und dem Bauer war begreiflicherweise nichts daran gelegen, ein Jahr Feldarbeit gegen ein Stück Papier einzutauschen, für welches er nicht einmal eine Blouse kaufen konnte.

Und solange man dem Bauer ein wertloses Stück Papier anbietet – möge es sich „Assignate“ oder „Arbeitsbon“ nennen – wird es auch so bleiben. Die Lebensmittel werden auf dem Lande bleiben, die Stadt wird ihrer nicht habhaft werden, sollte man auch von neuem zur Guillotine oder zu Massenertränkungen greifen.

Was man dem Bauer bieten muß, das ist nicht Papier, sondern es sind die Waren, deren er unmittelbar bedarf. Es ist die Maschine, auf die er heute zu seinem Verdruß verzichten muß; es ist die Kleidung, eine Kleidung, die ihn vor den Unbilden der Witterung schützt; es ist die Lampe und das Petroleum, welche seinen Lichtstumpf ersetzen, der Spaten, der Rechen, der Pflug; kurz Alles, was sich der

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 54. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/70&oldid=- (Version vom 3.6.2018)