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schlechte Tuch, mit dem sich die schlecht bezahlten Arbeiter kleiden, abgesetzt werden kann, ist es notwendig, daß sich der Schneider mit Hungerlöhnen begnügt! Damit in einigen privilegierten Industrien der Arbeiter unter dem kapitalistischen Regime eine Art beschränkten Wohlstandes hat, ist es notwendig, daß die zurückgebliebenen Länder des Orients durch diejenigen des Occidents ausgebeutet werden.

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Das Uebel der gegenwärtigen Organisation besteht also nicht darin, daß der „Mehrwert“ der Produktion dem Kapitalisten zufließt – wie Rodbertus und Marx gesagt haben, die mit dieser Behauptung die Bedeutung der sozialistischen Lehre und der Kritik des kapitalistischen Systems herabsetzten. – Der „Mehrwert“ ist selbst erst wieder die Folge von tiefer liegenden Ursachen. Das Uebel liegt darin, daß es einen Mehrwert geben kann und nicht in dem Faktum, daß ein gewisser Ueberschuß in der Produktion einer jeden Generation unkonsumiert bleibt; denn, damit es einen Mehrwert geben kann, ist es notwendig, daß Männer, Frauen und Kinder gezwungen sind, ihn Arbeitskräfte für einen Lohn, der gegenüber dem Werte dessen, was sie produzieren und namentlich dessen, was sie zu produzieren imstande wären, verschwindet, zu verkaufen.

Doch dieses Uebel wird solange währen, als die Produktionsmittel nur einigen Wenigen gehören. Solange der Mensch gezwungen sein wird, dem Kapitalisten einen Tribut zu zahlen, um sich dagegen das Recht zu erkaufen, den Grund und Boden zu kultivieren oder eine Maschine in Bewegung zu setzen; und solange es dem Besitzenden frei stehen wird, anstatt einer großen Summe notwendiger Existenzmittel das zu produzieren, welches ihm den größten Verdienst verspricht, wird der Wohlstand immer nur zeitweise einer kleinen Minderzahl gesichert und immer wieder nur durch das Elend eines großen Teils der Gesellschaft erkauft sein. Es bedeutet keinen Fortschritt, den Ertrag, welchen ein Industriezweig abwirft, zu gleichen Teilen zu verteilen, wenn man deshalb zu gleicher Zeit Tausende von andern Arbeitern ausbeuten muß. Es handelt sich darum, unter möglichst geringem Verlust an menschlichen Kräften die möglichst größte Menge an Produkten, die dem Wohlstand Aller dienen sollen, zu erzielen.

Dieser Standpunkt verträgt sich nicht mit dem des Privatkapitalisten. Wenn aber eine Gesellschaft sich dieses Ideal stellt, so ist sie auch gezwungen, Alles zu expropriieren, was zur Schaffung des allgemeinen Wohlstandes beitragen könnte. Es ist daher nötig, daß sie sich des Grund und Bodens, der Bergwerke, der Verkehrsmittel usw. bemächtigt, und daß sie außerdem studiert, was es im Interesse Aller zu produzieren gilt, was der Zweck und die Leistungsfähigkeit der Produktion ist.

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 72. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/88&oldid=- (Version vom 3.6.2018)