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erzielt, d. h. ein Arbeiter produziert innerhalb einer Stunde 11 Meter. Um also 200 Meter weiße und bedruckte Baumwollenstoffe zu haben, genügte eine Arbeit von 20 Stunden jährlich.

Wir wollen hierbei nicht die Bemerkung unterlassen, daß der Rohstoff fast in demselben Zustand, wie er vom Felde kommt, in diese Manufakturen gelangt, und daß die ganze Reihe von Veränderungen, die er schrittweise durchmachen muß, bevor er zum Baumwollenstoff wird, bei diesen 20 Stunden inbegriffen ist. Um diese 200 Meter jedoch im Handel zu erstehen, muß heute ein gut bezahlter Arbeiter (schlecht gerechnet) mindestens 10 bis 15 Arbeitstage à 10 Stunden, d. h. 100 bis 150 Arbeitsstunden liefern. Und was den englischen Bauern betrifft, so muß er sich mindestens einen Monat oder gar noch länger abquälen, um sich diesen Luxus leisten zu können.

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Man sieht aus diesem Beispiel, daß man mit 50 halben Arbeitstagen sich in einer gut organisierten Gesellschaft besser kleiden könnte, als sich heute die Kleinbürger kleiden.

Nach alledem bedarf es also nur 60 halber Arbeitstage à 5 Stunden für die Beschaffung der landwirtschaftlichen Produkte, 40 für die der Behausung und 50 für die der Bekleidung, in Summa also gerade die Hälfte des Jahres, da das Jahr nach Abzug der Feste 300 Arbeitstage repräsentiert.

Es bleiben dann noch 150 halbe Arbeitstage übrig, die zur Beschaffung anderer Erfordernisse verwendet werden könnten: von Wein, Zucker, Kaffee oder Tee, Möbeln und Transportmitteln usw. usw. ...

Es ist klar, daß diese Berechnungen nur annähernde sind; aber sie finden auch noch auf einem anderen Wege ihre Bestätigung. Wenn wir bei den zivilisierten Nationen diejenigen Menschen zählen, welche nichts produzieren, die, welche in schädlichen, dem Untergange geweihten Industrien arbeiten, endlich diejenigen, welche unter die Zahl der überflüssigen Zwischenpersonen rechnen, so konstatieren wir, daß in jeder Nation die Zahl der eigentlichen Produzenten verdoppelt werden könnte. Und wenn sich statt zehn zwanzig Personen der notwendigen Produktion widmeten und wenn es sich die Gesellschaft angelegener sein ließe, die menschlichen Kräfte zu sparen, so würden diese zwanzig Personen nur 5 Stunden täglich zu arbeiten haben, ohne daß sich dadurch die Produktion im geringsten verminderte. Es genügte die Verschwendung, die mit der menschlichen Arbeitskraft in den reichen Familien oder in der Verwaltung, bei der auf zehn Menschen ein Beamter kommt, getrieben wird, zu reduzieren und diese Kräfte für die Steigerung der Produktion zu verwenden, um die Arbeitszeit auf 4 oder gar 3 Stunden herabsetzen zu können – unter der Bedingung, wohlgemerkt, daß man sich mit der heutigen Produktion begnügt.

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In Anlehnung an diese Erwägungen, die wir soeben gemeinschaftlich angestellt haben, können wir jetzt folgenden Schluß ziehen:

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 75. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/91&oldid=- (Version vom 3.6.2018)