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DIE LUXUSBEDÜRFNISSE.

I.

Der Mensch ist keineswegs ein Wesen, welches ausschließlich leben könnte, um zu essen, zu trinken und zu schlafen. Sobald er den materiellen Erfordernissen genügt hat, regen sich in ihm jene Bedürfnisse, die man Bedürfnisse künstlerischer Natur nennen könnte, nicht minder heftig. So viele Individuen, ebensoviele verschiedene Neigungen gibt es. Und je zivilisierter eine Gesellschaft ist, um so entwickelter ist auch die Individualität, um so mannigfaltiger sind die Neigungen.

Selbst heute schon sieht man Männer und Frauen sich das Notwendige versagen, um diese oder jene Kleinigkeit zu erwerben, um sich dieses Vergnügen oder jenen Genuß geistiger oder materieller Natur zu verschaffen. Ein Christ, ein Asket kann solche Luxusbedürfnisse zurückweisen; aber in Wirklichkeit sind es gerade diese Kleinigkeiten, welche die Einförmigkeit des Daseins durchbrechen und es angenehm machen. Wäre das Leben mit allen seinen unausbleiblichen Enttäuschungen und Kümmernissen des Lebens wert, wenn sich der Mensch nach seiner täglichen Arbeit niemals ein Vergnügen, das seinen individuellen Neigungen entspräche, verschaffen könnte?

Wenn wir die soziale Revolution wollen, so wollen wir sie ernstlich, um allen das Brot zu sichern, um diese fluchwürdige Gesellschaft umzugestalten, in der wir täglich robuste Arbeiter mit untätigen Armen umherirren sehen, weil sie keinen Ausbeuter finden konnten; in der wir Frauen und Kinder die Nacht ohne Obdach verbringen, ganze Familien sich von trockenem Brote nähren, Kinder, Männer und Frauen aus Mangel an Pflege, wenn nicht gar an Nahrung dahinsiechen sehen. Um diesen Ungerechtigkeiten ein Ende zu machen, empören wir uns.

Aber wir erwarten auch noch etwas anderes von der Revolution. Wir sehen, daß der Arbeiter, gezwungen, hart um das Leben zu kämpfen, niemals in die Lage kommt, an jenen hohen Genüssen – den höchsten, welche dem Menschen zugänglich sind – teilzunehmen, jenen Genüssen, welche die Wissenschaft und namentlich die wissenschaftliche Entdeckung, die Kunst und namentlich das künstlerische Schaffen gewähren. Um jedermann diese Freuden, die heute nur das Vorrecht einer kleinen Minderzahl sind, zu sichern; um ihm die Muße, die Möglichkeit zu schaffen, seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln, muß die

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 77. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/93&oldid=- (Version vom 5.6.2018)