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Revolution zuerst Jedem das tägliche Brot sichern. Die nötige Mußezeit, das ist nach dem Brote ihr höchstes Ziel.

Allerdings heute, wo die Menschen zu Hunderttausenden des Brotes, der Kohle, der Kleidung, des Obdaches ermangeln, ist der Luxus ein Verbrechen; um ihn zu befriedigen, muß das Kind des Arbeiters des Brotes ermangeln. Aber in einer Gesellschaft, wo alle nach Bedürfnis sich sättigen können, werden die Bedürfnisse, die wir Luxusbedürfnisse nennen, viel dringendere sein. Und da alle Menschen sich nicht gleichen können und sollen (die Verschiedenheit der Geschmacksrichtungen und der Bedürfnisse ist die Hauptgarantie für den Fortschritt der Menschheit), so wird es immer (und es ist dies sogar wünschenswert) Männer und Frauen geben, deren Bedürfnisse nach irgendeiner Richtung über das Mittelmaß hinausragen werden.

Jedermann bedarf nicht eines Teleskopes, denn selbst wenn Erziehung und Unterricht für Alle gleich sein werden, so wird es gleichwohl Personen geben, welche mikroskopische Studien denen des Sternenhimmels vorziehen. Es wird Leute geben, welche Statuen, andere wieder, welche Gemälde lieben; dieses Individuum hat den sehnlichsten Wunsch, ein Piano zu besitzen, während jenes sich mit einer Maultrommel begnügen wird. Der Bauer schmückt heute sein Zimmer mit irgendeinem Oeldruckgemälde, und wenn sich sein Geschmack entwickelt, so wird er sich in den Besitz eines schönen Stiches wünschen. Heute kann derjenige, der künstlerische Bedürfnisse hat, sie nur befriedigen‚ wenn er Erbe eines großen Vermögens ist; sogar derjenige, der sich durch „fleißige Arbeit“ ein intellektuelles Kapital erworben hat und sich so einem geistigen Berufe zuwenden kann, darf sich nicht mit Gewißheit der Hoffnung hingeben, eines Tages seinem künstlerischen Geschmack genügen zu können. Man wirft gewöhnlich unseren Idealen von einer kommunistischen Gesellschaft vor, daß ihr einziges Ziel die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse eines Jeden sei: „Ihr werdet vielleicht das Brot für Alle haben“, entgegnet man uns, „aber ihr werdet in euren Gemeindemagazinen keine schönen Gemälde, keine optischen Instrumente, keine Luxusmöbel, keine Schmuckgegenstände haben – kurz, nicht alle jene tausend Dinge, welche der Befriedigung der unendlich vielen und verschiedenen menschlichen Geschmacksrichtungen dienen. – Und Ihr beseitigt mit diesem eurem Ideal jede Möglichkeit, sich irgend etwas zu verschaffen, das außer dem Bereiche des Brotes und des Fleisches liegt. Dieses und die graue Leinewand, in die ihr alle eure Bürgerinnen kleiden werdet, kann eure Kommune wohl bieten.“

Es ist dieser Vorwurf, welcher stets gegen alle kommunistischen Systeme erhoben wird – ein Vorwurf, dessen Berechtigung die Gründer jener jungen Gesellschaften in den Einöden Amerikas niemals begriffen haben. Sie glaubten, wenn die Gemeinde genügend für Tuch, um ihre Mitglieder zu kleiden, allenfalls noch für einen Konzertsaal gesorgt hätte, wo „die Brüder“ ein Musikstück mehr „verhunzen“ als vortragen, oder von Zeit zu Zeit ein Theaterstück aufführen konnten – daß dann alles getan sei. Sie vergaßen, daß der Kunstsinn bei dem Landmann ebenso gut wie bei dem Bourgeois besteht und daß, wenn auch die Empfindungsweise

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 78. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/94&oldid=- (Version vom 27.8.2018)