Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/96

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wechseln kann, so bleibt man gern 10 bis 12 Stunden beschäftigt, ohne zu ermüden. Das ist nur normal. Der Mann, der mit einer 4- oder 5 stündigen Handarbeit den notwendigen Lebensunterhalt gewonnen hat – wird am Tage noch 5 oder 6 Stunden vor sich haben, die er seinen Neigungen entsprechend auszufüllen wünscht. Und diese 5 oder 6 Stunden werden es ihm vollkommen ermöglichen, sich durch Verbindung mit andern alles das zu beschaffen, dessen er bedarf und das außerhalb des Kreises des Notwendigen liegt.

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Er wird zuerst die Arbeit auf den Feldern oder in den Werkstätten verrichten, die er seinerseits der Gesellschaft als Beitrag zu der allgemeinen Produktion schuldet. Und er wird die andere Hälfte seines Tages, seiner Woche oder seines Jahres zur Befriedigung seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Bedürfnisse verwenden.

Tausend Gesellschaften werden entstehen, entsprechend ebenso vielen Geschmacksrichtungen und allen denkbaren Bedürfnissen.

Die einen z. B. werden ihre Mußestunden der Literatur widmen. Diese werden sich dann in Gruppen vereinigen, die ihrerseits Schriftsteller, Setzer, Drucker, Graveure, Zeichner usw., Alle umfassen werden, die ein gemeinsames Ziel verfolgen: Die Propagierung der Ideen, die ihnen teuer sind.

Heute weiß der Schriftsteller, daß es ein Lasttier gibt, genannt Arbeiter, dem er gegen eine Entschädigung von 4 oder 5 Mark pro Tag den Druck seiner Bücher aufbürden kann, aber er kümmert sich nicht darum, was heute eine Druckerei bedeutet. Wenn der Setzer durch den Bleistaub vergiftet wird, und wenn das Mädchen, daß die Maschine bedient, vor Blutarmut dahinsiecht – so gibt es genug andere arme Teufel, um diese zu ersetzen.

Aber wenn es keine Hungerleider mehr geben wird, die bereit sind, ihre Arme für einen kärglichen Lohn zu verkaufen, wenn der gestern noch Ausgebeutete Erziehung und Bildung genossen hat, und wenn er seine Ideen zu Papier bringen und anderen mitteilen können wird, so werden die Literaten und die Gelehrten gezwungen sein, sich untereinander zu vereinigen, um sich ihre Prosa oder ihre Verse selbst zu drucken.

Solange der Schriftsteller die Blouse und die Handarbeit als ein Zeichen der Unterordnung betrachtet, wird es ihn komisch berühren, einen Autor sein Buch selbst setzen zu sehen. Er hat ja seinen Turnsaal und ein Domino, um sich zu zerstreuen. Wenn aber die Schmach, die auf der Handarbeit liegt, verschwunden sein wird, wenn alle gezwungen sein werden, sich ihrer Arme zu bedienen und niemand mehr finden werden, auf den sie jene Handarbeit abwälzen können – dann werden die Schriftsteller, wie ihre Bewunderer und Anbeterinnen, gar bald die Kunst des Setzers oder des Schriftgießers erlernen, sie werden dann einen Genuß darin finden, Alle – die Verehrer des Buches, das gedruckt werden soll – zusammen zu kommen, es zu setzen, es entgleiten

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 80. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/96&oldid=- (Version vom 27.8.2018)