| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
|
|
ist überhaupt seine Leidenschaft und vielleicht läßt sich ein Teil seiner
zynischen Sexualtheorien auf diesen Drang zurückführen. Auch sonst
kann ich das Gefühl nicht loswerden, daß hinter der Grimasse eines
wütenden Menschenfeinds und Verächters sich ein überempfindliches,
durch alltägliche Trivialitäten und Niedrigkeiten bis aufs Blut gereiztes
Künstlergemüt verbirgt, das einen grimmigen Lebensschmerz vergeblich
zu betäuben sucht. Und Thersites, der die Buckel seines Größenwahns
kreischend zur Schau stellt, ist wahrscheinlich im tiefsten Innern ein
bescheidener, mit schmerzhafter Selbsterkenntnis ringender Mensch, der
zu schamhaft und zu stolz ist, vor der Kanaille sich in seiner wahren
Gestalt zu zeigen. Schon hat er sich vom Eintagssatiriker zum Sozialkritiker
emporentwickelt, der kaum mehr ohne großen Gegenstand sich
regt. Der Stadt aber, die er mit der ganzen Leidenschaft seines Spottes
geißelt, wird er vielleicht noch einmal das Zeugnis ausstellen, daß sie
allein ihm die Möglichkeit der Entwicklung geben konnte, weil sie
Kulturmenschen genug beherbergt, die ein sich selbst erst suchendes
und findendes Talent mit Anteilnahme von seinen Anfängen bis zur
Höhe verfolgen.
Die Neue Freie Presse, die heute noch der Meinung ist, daß sie mit einer Zudringlichkeit, Einbildung und Blödheit aus den Achtziger Jahren in der Welt Aufhebens machen kann, füllte kürzlich vier Seiten ihres Sonntagsblattes mit der Schilderung, wie der König von Bulgarien den Siegmund Münz interviewt hat. Dieses Gespräch zwischen S. M. und S. Mz., in welchem nichts anderes enthalten war, als daß Herrn Münz Sophia moderner, aber Konstantinopel dafür altertümlicher vorkommt, erinnert dennoch vielfach an das bekannte Interview, das der Marquis Posa mit dem König Philipp hatte, nur mit dem Unterschied, daß Münz die liberalen Hoffnungen, die Posa an die Unterredung knüpft, um dann leider enttäuscht zu werden, im König Ferdinand schon erfüllt vorfindet, ohne daß er ihn erst zu den Idealen der bürgerlichen Weltordnung bekehren müßte. Im Gegenteil sagte der König sofort: »Ich habe den Tod Ihres Kollegen Schütz sehr bedauert.« Sonst aber hätte sich das Gespräch ganz so abgespielt, wie seinerzeit, und wie es zwischen einem Weltbürger und einem Potentaten seit jeher
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 47. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/49&oldid=- (Version vom 31.12.2025)