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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1855)

ihr dabei mit dürren Worten, daß ihre Stiefmutter den heutigen Tag nicht überleben würde.“

Die Frau schwieg hier und holte tief Athem. Es war fast als ob sie sich Gewalt anthue, den Antheil nicht zu verrathen, den sie selbst an der Erzählung nähme, die Tochter aber wagte nicht, sie zu unterbrechen oder zu stören, und nach einigen Minuten fuhr jene mit kaum hörbarer, tief bewegter Stimme langsam fort:

„Lisbeth stand eine ganze Zeit lang wie in den Boden gewurzelt, und in Schmerz, Reue und Furcht drohten ihr fast die Glieder den Dienst zu versagen. Sie kam auch wirklich erst wieder zu sich, als ihr Vater selber die Thür öffnete, die Tochter erkennend, das liebe Kind in seine Arme schloß und es dann leise und zögernd, mit flüsternder Bitte, der Kranken nur ein einziges freundliches Wort zu sagen, zum Bett derselben führte.

Da brach das Eis, das bis dahin Lisbeth’s starres Herz umschlossen, da, mit aufquellenden Thränen und von innerer Rührung fast erstickter Stimme, warf sie sich am Bett der Kranken nieder, und diese mit ihren Armen umschlingend, rief sie:

„Mutter – liebe, liebe Mutter – kannst Du mir verzeihen?“

„Mein Kind – mein liebes Kind – o, Gott sei ewig gepriesen und gelobt,“ rief die Kranke. Sie schlang die Arme dabei fest um Lisbeth’s Nacken und zog sie zu sich nieder, ihrem Kuß begegnend. Aber ihre Arme wurden schwer – ihr Kopf bog sich zurück – ihre Lippen erkalteten – das treue Herz hörte auf zu schlagen und ich – hielt eine Leiche in meinen Armen.“

„Du, Mama?“ rief Sabine überrascht.

„Ich war jene Lisbeth,“ flüsterte die Mutter, langsam und traurig, dazu mit dem Kopfe nickend – „ich war jenes leichtsinnige, thörichte Geschöpf, das das Herz der besten Frau mit brechen half, und jetzt seine Lebenszeit kaum für hinreichend hält, durch Warnung Anderer den Schaden wieder gut zu machen. Ja, mein Herz, wohl manche Frau mag es geben, die gegen ihrer Sorgfalt anvertraute Stiefkinder nicht die Liebe zeigt, die sie zeigen sollte, sie hier und da auch schlecht und bös behandelt – es giebt in allen Lebensfällen, böse Menschen. Aber unrecht, entsetzlich unrecht handeln wir, wenn wir durch rasche Worte oder mehr noch durch eine systematische Verbreitung dieses Vorurtheils in der Kinderwelt, den armen Frauen, die ihr Geschick einmal in diese Stellung führte, die Ausübung ihrer Pflicht so arg erschweren, ja, oft von vornherein unmöglich machen. Du, mein Kind, bist nach einer der besten Frauen genannt, die je gelebt, nach meiner Stiefmutter, und ihret-, ja auch meinetwegen bitte ich Dich, nicht allein Dein altes Vorurtheil zu vergessen, nein, auch bei Andern zu bekämpfen. Versprichst Du mir das, und willst Du auch Sabinens Schatten mir versöhnen helfen?“

„Du liebe, gute Mutter,“ rief, innig gerührt, die Tochter und warf sich an der Mutter Brust – „wie hast Du mich beschämt, daß ich so ungerecht gewesen.“

„Du bist nicht schlimmer als alle Andere, liebes Kind,“ sagte die Mutter, ihre Stirn küssend – „ich wollte nur, Du solltest besser sein.“

„Und darf ich Adelen Deine Geschichte erzählen?“ rief das junge Mädchen, sich plötzlich mit leuchtenden Augen emporrichtend.

„Wenn Du willst, mein Kind,“ lächelte die Mutter durch ein paar klare Thränen hin, die die Erinnerung ihr in’s Auge getrieben – „denn wenn nur einer armen Mutter Herz durch die Erzählung unverdienter Sorge, ungerechter Klage ledig wird, so hat sie ihren schönsten Zweck erreicht.“




Das britische Museum und die neue Central-Lesehalle.
(Mit Abbildung.)

London ist jetzt sehr bedeutend in Motion, in Bewegung, Agitationen, Demonstrationen, Associationen, Leaguen gegen theures Brot und für billigeres, Arbeiter-Meetings für den Frieden (da der Krieg unter diesen Herrschaften, mögen sie auch zuweilen in Namen und Personen wechseln, doch nur zum Verderben Englands ausfallen könne), Vereine gegen Sonntags-Beschränkungen, zur Eröffnung des Krystallpalastes, des britischen Museums, der Nationalgalerie an Sonntagen, zur frühen Schließung der Geschäftslokale Abends, besonders Sonnabends (um zwei Uhr) und ein paar Dutzend andere Verbindungen für irgend eine Befreiung und gegen irgend eine historische Last halten die Klassen der Bevölkerung, welche kein Interesse an den Privilegien „der obersten Zehntausend“ haben, in sehr mannigfaltiger Bewegung. Bewegung ist Leben und Leben ist immer interessant, mag es Früchte tragen oder nicht. Viele dieser Bewegungen werden, wie unzählige andere, sich spurlos wieder zur Ruhe begeben; aber die Friedens-Agitationen unter den arbeitenden Klassen gegen den Krieg, der immer „des Volkes Krieg“ titulirt ward und die Hyde-Park-Demonstrationen gegen theures Brot und die Leaguen für wohlfeileres, geistiges Brot scheinen so viel Lebenskraft zu haben, daß sie wohl nicht spurlos verlaufen werden. Es macht dem Volke Ehre, daß es nicht blos für wohlfeilen türkischen Weizen agitirt, sondern auch für das Brot des Lebens und der Bildung, das es hauptsächlich an Sonntagen essen will. Brot der Bildung, der Erholung, der geistigen Erquickung nach sechstägigem Plack in Rauch und Dunst, im Donner und Dampf der Maschinen: also Eröffnung der Bildungs- und Erholungsanstalten an Sonntagen, des Krystallpalastes, des britischen Museums, der Nationalgalerie und anderer Tempel der Wissenschaft, Kunst und Schönheit, welche Aristokratie und Geistlichkeit gerade an dem einzigen Tage, an welchem es Zeit hat, verschloß.

Wir erwähnen hier besonders die „nationale Sonntags-League“ zur Eröffnung des britischen Museums, der Nationalgalerie und des Krystallpalastes an Sonntagen nach der Kirche. An der Spitze derselben stehen die reichsten Gewerbe-Innungen der Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere mit Sir Josua Walmsley, dem Parlamentsmitgliede, als ihrem Führer, der die betreffende Petition dem Parlamente vortragen will. Die Petition wird von allen Sorten der nicht privilegirten Bevölkerung unterstützt und unterschrieben. Es heißt darin unter Anderem ganz treffend und schön: „Wir wollen den Vortheil der Einwirkung des Wissens, der Kunst, des Schönen nicht blos für uns, die arbeitenden und bildenden Klassen, die allerdings eine wesentliche Bedingung ihres Gedeihens in dem Geschmacke finden, womit sie Rohstoffe zur Verschönerung und Erheiterung des Lebens, zu Werthgegenständen, zu Ornamenten veredeln, sondern für das ganze Volk, da wir überzeugt sind, daß zur Bildung wahren Geschmackes und gesunder Kultur nicht blos die künstlerische Hand des Producenten gehört, sondern auch der Consument und Käufer im Stande sein muß, wahre Kunst und Schönheit zu würdigen.“

Das ist ein edles und schönes Motto für diese Agitation, die sich jedenfalls durchsetzen wird. Und dann beginnt eine neue Zeit für England. Dann erst fangen die reichen Saaten der Wissenschaft und Schönheit, aufgespeichert im Museum, im Krystallpalaste u. s. w. in Millionen Köpfen und Herzen an zu keimen und zu knospen, zu blühen und zu fruchten.

Wer im Volke hat jetzt eine Ahnung von der unerschöpflichen, unzähligen Masse gebuchter Weisheit aller Zeiten, Zonen, Völker und Wissenschaften im britischen Museum, diese Centralbibliothek der ganzen Erde! Das Seltenste, Kostbarste, Aelteste, Wichtigste, Vollständigste für jedes Studium – hier findet man es. Bücher und Manuscripte und Denkmäler, die Jahrtausende vor Christi Geburt vergegenwärtigen, die einzige wirkliche Handschrift Shakespeare’s, vollständige Placatensammlungen aus allen Revolutionen der Erde, Quellen für jeden Mann der Wissenschaft in jeder Sphäre – sie vereinigen sich im britischen Museum. Will man Quellenstudien über Dinge machen, die Tausende von Meilen oder Tausende von Jahren abliegen, muß man in’s britische Museum gehen. Will man wissen, wer eigentlich „Aujust Buddelmeier mit ’n jroßen Bart,“ wer eigentlich „Isaak Moses Hersch“ in Berlin war, will man die ausnahmslos vollständigste Sammlung aller Placate und Broschüren von 1848 u. s. w. mit Datum, wirklichem Namen der Verfasser und deren Verhältnisse beisammen haben, muß man das britische Museum besuchen, diese endlos lange Stadt von

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1855). Leipzig: Ernst Keil, 1855, Seite 636. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1855)_636.jpg&oldid=- (Version vom 20.6.2019)