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Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1856)

die Hormtjungfern in ihrem strahlenden, phantastischen Schmuck. „Hormtjungfern?“ – Wer sind diese räthselhaften Jungfrauen, was bedeutet dieses seltsame Wort? Nun, die Hormtjungfern sind eben frische, blühende, rosige Mädchengestalten, welche die Braut zum Altare geleiten und die ihren Namen von dem blitzenden, funkelnden Kopfputz, den sie auf dem Haupt tragen, von dem „Hormt“ – ein altes wendisches Wort – haben. Dieses Hormt, welches von den altenburgischen Bauernmädchen, aber nur von den Mädchen, nicht von den Frauen, bei Kindtaufen und Hochzeiten getragen wird, ist eine Art runder Schachtel – möchten wir fast sagen – mit purpurrothem Sammet überzogen, an welchem eine Menge kleiner silbernen Tafeln mit silbernen Knöpfchen, an denen wieder kirschblätter-ähnliche, vergoldete Schildchen hängen, befestigt sind. Am Hintertheil dieses seltsamen Kopfputzes gehen zwei aus den Haaren des Mädchens geflochtene und mit farbigem Sammetband umwundene Zöpfe, zwischen denen ein Kränzchen aus Silberlahn sitzt, bogenförmig empor und farbige Glaskorallen erhöhen den Glanz dieses funkelnden und bei der leisesten Bewegung des Hauptes klingenden und tönenden phantastischen Kopfputzes. Ein buntfarbiges Mieder von Seidenzeug, mit jenem überzogenen, seltsamen, pappenen Küraß, der als Vorstecklatz dient, ein engärmliches Jäckchen von gleichem Stoff, wie der des Mieders, ein kurzer, bis zur Wade reichender, buntcarrirter, sehr faltiger Rock, unter welchem coquett die gestickten, mit Goldfäden durchwirkten Strumpfbänder, und die weißen, durchbrochenen Strümpfe hervorschimmern und kleine, zierliche Saffianpantoffeln, die einen netten, wohlgeformten Fuß bedecken, vollendeten den Anzug dieser Mädchen, der zugleich, mit Ausnahme des Hormt ihre gewöhnliche Sonntagstracht ist. Denn die während der Werkeltage besteht, wenn auch Form und Schnitt gleich sind, doch aus geringeren Stoffen.

Die Arrieregarde des Zugs endlich bildeten wieder Bauern auf ihren mit rothem, gelbem, grünem Riemenzeug geschirrten Pferden. So geordnet, brach die Karavane auf und brauste unter Sang und Klang und Gejodel durch mehrere Dörfer, die man passiren mußte, ehe man in das Heimathsdorf der Braut kam.

In jedem Dorf kamen die Einwohner aus ihren Häusern, brachten Bier, Branntwein und kalte Speisen, mit denen sie gastfreundlich die durchziehenden Hochzeitsgäste bewirtheten. Vor noch gar nicht langer Zeit gab es dabei noch mehr Formen und Ceremonien. – Drei bis vier Reiter sprengten dem Zuge voraus, hielten auf dem freien Platz in dem Dorf, welches der Hochzeitszug passiren mußte, an, erhoben sich in dem Sattel und frugen mit lauter, weit hinschallender Stimme: ob es ehrlichen Leuten erlaubt sei, hier einzusprechen, ihre Geschäfte zu verrichten und sich mit Speise und Trank zu erquicken und dann ungehindert ihres Wegs zu ziehen, auf welche ernsthafte und förmliche Anrede eine ebenso ernsthafte Antwort nach hergebrachter Form gegeben wurde. – Vom Morgenwind herübergetragene Glockenklänge, die verkünden sollten, daß heute eine Trauung stattfinde, sagten uns, daß wir uns dem Heimathsdorf der Braut näherten. – Noch eine Biegung der Straße, und die rothen Giebel der Häuser glänzten dem Blick entgegen. Frischen Athem holten die Musikanten, lauter erscholl ihre Fanfare und unter brausendem Jubel und Jodeln stürmte der Zug der Gäste zu Roß und Wagen in’s Dorf. Am Hause der Braut standen die Aeltern und Verwandten zum Gruß und zur Bewillkommnung bereit, und nach einem rasch verzehrten Frühstück ging es zur Kirche.

Voran wieder die Musikanten, einen lustigen Hochzeitsmarsch blasend, dann der Brautführer und die Braut mit dem Hormt, ihr zur Linken der Küster mit einem Rosmarinstengel und einem buntseidenen Tuch in der Hand, und dicht hinter ihr der glänzende Schwarm der Hormtjungfern und die übrigen weiblichen Hochzeitsgäste. – In ähnlicher Ordnung, ebenfalls mit Musikanten an der Spitze, zog der Zug des Bräutigams einher, nur daß dieser von einem sogenannten Brautdiener geleitet wurde. Nach Beendigung der kirchlichen Ceremonie, bei welcher unter Anderem die Brautleute einen Mahlschatz unter sich wechselten, der aus einer Reihe an einer grünseidenen Schnur befestigter alter Henkel-Speciesthaler bestand) ging es in derselben Weise zurück in's Hochzeitshaus. –

(Schluß folgt.)


Theuerungs-Regeln.
Winke für Unbemittelte.

Den Boden, auf welchem Nahrungspflanzen, besonders Getreidearten wachsen, hat man in neuerer Zeit mit Hülfe der Wissenschaft (Agrikulturchemie) dadurch fruchtbarer und für jene Pflanzen gedeihlicher zu machen gewußt, als er vordem war, daß man ihn naturgemäßer bearbeitete und alle die Stoffe zuführte, welche jene Pflanzen durchaus zu ihrer guten Ernährung brauchen, d. s. aber solche Stoffe, aus welchen jene Pflanzen zusammengesetzt sind und die man durch die chemische Untersuchung der Pflanzen kennen gelernt hat. Eine ähnliche Verbesserung bedarf nun aber sicherlich zur Jetztzeit, wo die Zahl schlecht-ernährter Menschen immer mehr wächst und die Nahrungsmittel fortwährend im Preise steigen, der Boden, von welchem aus der menschliche Körper wächst und ernährt wird. Vorzugsweise ist für die ärmere Menschenklasse, welche durch körperliche Anstrengungen ihr tägliches Brot verdienen muß, eine bessere Bodenkultur wünschenswerth. – Der Boden, auf welchem der menschliche Körper hervorwächst, ist nun aber sein Blut und wir wollen einmal versuchen, mit Hülfe der heutigen Wissenschaft (die man vielleicht Sanguikulturchemie nennen könnte), einige Winke zur naturgemäßen Bebauung dieses Bodens zu geben.

Das Blut (s. Gartenlaube 1853. Nr. 45.) ist insofern die Quelle des Lebens (des Wachsthums und der Ernährung) unseres Körpers, als dasselbe, fortwährend im Kreise durch unsern Körper herumfließend, allen Geweben und Organen desselben das Material zu ihrem Aufbaue (von den Haargefäßen aus) liefert. Um nun aber diese Lieferung (den Stoffwechsel; s. Gartenlaube 1854 Nr. 39. u. 1855. Nr. 9.) in ununterbrochenem und richtigem Gange erhalten zu können, müssen dem Blute auch von außen immerfort diejenigen Stoffe zugeführt werden, welche dasselbe zur Erzeugung jenes Ernährungsmaterials bedarf. Die zu diesem Zwecke dem Blute zuzuführenden Stoffe sind, außer dem Sauerstoffe der atmosphärischen Luft, hauptsächlich: Wasser, Eiweißstoffe (Faserstoff, Eiweiß, Käsestoff, Gallerte, Kleber, Hülsenstoff), Fett (Butter, Eidotter, Fleischfett, fette Oele) und fettähnliche Substanzen (Stärke, Zucker, Gummi, Pflanzenschleim und Pflanzengallerte, Spiritus, Milchzucker und Milchsäure, Honig und Wachs), Kochsalz, Kalk, Kali und Natron, Eisen (s. Gartenlaube 1854, Nr. 32. u. 39.). Es finden sich diese Nahrungsstoffe in den verschiedenen Nahrungsmitteln in größerer oder geringerer Anzahl und Menge vor und diese werden danach als mehr oder weniger nahrhaft bezeichnet. Es ist deshalb aber auch von der größten Wichtigkeit für uns, wenn wir die Ernährung unseres Blutes und durch dieses die unseres ganzen Körpers richtig leiten wollen, die Zusammensetzung und Nahrhaftigkeit der Nahrungsmittel, so wie auch deren richtige Bereitungsweise und Verdaulichkeit genau zu kennen. Wir hätten sonach folgende Fragen in Bezug auf die richtige Ernährung unseres Körpers zu stellen und zu beantworten: Wie verhalten sich die gebräuchlichen Nahrungsmittel hinsichtlich ihrer Nahrhaftigkeit und Verdaulichkeit zu einander? Wie sind Nahrungsmittel, zumal die billigeren der Armen, nahrhafter und verdaulicher zu machen? Wie kann sich überhaupt der Arme billig und doch naturgemäß ernähren? Eine erschöpfende Antwort dieser Fragen läßt sich allerdings nur durch wissenschaftliche Versuche im Großen geben; bis diese aber gemacht sind, und sie werden sicherlich über Lang oder Kurz von Seiten der Staaten angestellt werden, mögen die folgenden diätetischen Bemerkungen zum Nutzen der Ernährung armer Leute einige Beachtung finden.

Vorerst vergesse man niemals, daß „den Hunger stillen und sich sättigen“ noch durchaus nicht gleichbedeutend ist mit „sich ordentlich nähren.“ Zu einer richtigen, den Körper gesund und kräftig erhaltenden Ernährung gehören durchaus Nahrungsstoffe, welche den unsern Körper zusammensetzenden

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1856). Ernst Keil, Leipzig 1856, Seite 39. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1856)_039.jpg&oldid=- (Version vom 9.3.2019)