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zu, welche mit sehr faltenreichen, hellblauseidenen Röcken, einem blauseidenen Mieder bekleidet sind. Eine vier Ellen lange schwere Silberkette dient dem Mieder zum Zuschnüren, eine andere gleiche Kette hängt in Quasten und Büscheln als Schmuck hier und da am Mieder; während eine goldene Kette sich um den Hals schlingt und ein breiter Silbergürtel als Leibbinde die Taille umfaßt. Auf dem Kopfe schimmert eine vergoldete Krone aus Gewürznägelein und ist durch zwei silberne Ketten auf dem Kopfe festgehalten. Dieser Schmuck, der für jede Kranzjungfer über 100 Thlr. beträgt, befindet sich theils im Besitz der Brüderschaft, theils einzelner Hallorenfamilien, welche ihn zum Feste leihen, mit denen jene einen eigenthümlichen Tanz machen, nachdem sie von den Frauen der Vorsteher mit Blumenkränzen beschenkt sind. Nach dem Tanze geht der Salzgraf mit dem Bornschreiber und den Vorstehern in’s Festlokal, um ein wenig zu essen, während um die Maie der Tanz beginnt, der sich aber bald in den Gasthof zurückzieht, wo der Jubel, das Tanzen und Trinken zwei Tage währt. Vorher wird aber der Salzgraf von den Vorstehern nach Hause geleitet, wohin bereits sein Ehrengeschenk, Kuchen, ein Kranz aus Würznelken und ein Glas Bier von den Frauen geschickt ist.

Nicht minder malerisch ist der Aufzug bei der Huldigung, wie wir ihn 1842 sahen. In buntem Zuge mit klingender Musik, Trommelwirbel, wehenden Fahnen, von denen einige nur noch einige Seidenfetzen haben, bewaffnet und in hellfarbigen Kleidern bewegte sieh der Zug durch die engen Straßen über den Markt nach dem Salzbrunnen im Thale. Voran schritt der Bruderbote, welchem ein Musikcorps, der Hauptmann mit vier Vorstehern und zwei Deputirten, ein Trommelschläger und ein Offizier von dem Ausschuß folgten. Dann erschien auf dem geschenkten Roß der älteste Hallore, vor dem der Schildträger herging, wogegen zwei Schildknappen und acht Schwertträger mit ritterlichen Flammbergen hinter ihm herschritten. Nun kamen welche mit Untergewehr, Fahnen, Trommler, Musik und Offiziere in kriegerischer Haltung, denen sich die andern Halloren in bunten Röcken und die jüngeren Halloren mit Flinte und Säbel anschlossen, bis der letzte Offizier den Zug schloß. Unten aber am Salzbrunnen hielt der Reiter die hergebrachte Huldigungsrede: „Im Namen Gottes und aus Gottes Gnaden Sr. königl. Majestät von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., unserm allergnädigsten Landesvater, huldigt die sämmtliche Salzwirkerbruderschaft und zeiget an, daß Se. königl. Majestät über unsern Salzbrunnen im Thale Herr sei; die sämmtliche Salzwirkerbruderschaft dankt Sr. königl. Majestät ganz unterthänigst für das ertheilte große Gnadengeschenk an Pferd und Fahne, und wünscht, daß Se. königl. Majestät und unsere vielgeliebte Landesmutter durch Gottes Gnade bei Gesundheit und langem Leben erhalten werde. Vivat, Vivat! Lebe lange, großer König, sei beglückt! So lange die Soolbrunnen fließen, so lange stehe Dein Thron und Haus; kommt ihr Brüder all zusammen, ruft mit mir ein Vivat aus! Es lebe unser vielgeliebter König und sein ganzes Haus!“

Die Poesie des Hallorenthums ist jetzt sehr im Abnehmen. Früher redete der Hallore Jedermann mit „Du“ oder „Schwager“ an und hielt er sich besonders gern zu den Studenten, denen er in Nöthen, bei Schlägereien und Trinkgelagen, getreulich beistand und sich daher von jedem Fuchs ein Willkommen ausbat; früher sagte er in seinem breiten Dialekt:

Hann mer hüte Water un Holt,
Hann mer morne Silber un Gold.

Früher sangen die Hallorenfrauen zum Rumpeltopfsumzug an Weihnachten alte Lieder, und war der Hallore bemittelt. Jetzt sind die Meisten arm; ihre Korporation fängt an sich zu lösen, da aus und in dieselbe geheirathet wird; die Verwaltung der Salinen, besonders der königlichen jenseits der Saale, wohin vom Thale aus durch lange Röhren ein gewisses Quantum Soole muß geliefert werden, sucht die Bearbeitung der Soole einträglicher zu machen, führt Maschinen und andere Neuerungen ein, nimmt auch Nichthalloren als Tagelöhner an, und drückt das Salzsieden in die Alltagsprosa einer Maschinenarbeit herab.




Die Geschichte der Erde.

Geschichte der Erde? wird vielleicht mancher unsrer Leser staunend fragen, indem er den Titel unsers Aufsatzes erblickt. Kann man auch eine Geschichte der Erde schreiben? Wo sind die Geschichtsbücher, in denen die Schicksale unsres Erdballs verzeichnet stehen? – Sogleich, antwortet die heutige Wissenschaft auf diese Fragen, werde ich Dir, mein lieber Ungläubiger, diese Bücher zeigen, welche zwar nicht auf Papier, auch nicht auf Pergament, aber um so dauernder und unverwüstlicher auf Stein und Felsen, auf Berge und Thäler geschrieben stehen. Diese Bücher erzählen uns bis in’s Einzelnste herab, was seit Millionen und aber Millionen Jahren auf dem kleinen Sterne geschehen ist, den wir jetzt im unermeßlichen Weltall bewohnen, und dieses nicht selten genauer und zuverlässiger, als uns die Geschichte der Menschen bekannt ist, welche vielleicht nur wenige Jahrhunderte vor uns gelebt haben. Ein solches Resultat ist allerdings staunenswerth, und beweist·hinlänglich für die Größe des menschlichen Geistes und für die Größe des Jahrhunderts, in welchem wir leben. Die Geschichte der Erde ist eine neue Wissenschaft und vielleicht eines der herrlichsten und großartigsten Wissensgebiete, welche der menschliche Geist umfaßt. Wer hätte es noch vor hundert Jahren für möglich halten können, daß man heute im Stande sein würde, eine Geschichte der Erde zu schreiben! Daß man Kenntnisse und Aufschlüsse der sichersten Art über Dinge gewinnen würde, die für immer mit dem Schleier eines undurchdringlichen Geheimnisses bedeckt schienen!

Was sind die sechstausend Jahre, welche die Menschen- und Völkergeschichte umfaßt, im Vergleich zu den endlosen Zeitspannen, von denen die Geschichte der Erde zu reden hat! Diese merkwürdige, Geist und Phantasie erhebende Wissenschaft führt uns in Zeiten und Regionen ein, da noch nichts von dem vorhanden war, was uns heute umgiebt und da der Mensch, diese Krone der Schöpfung, noch lange nicht zum Dasein erwacht war. Was kann Wissenswürdigeres gedacht werden, als eine solche Kenntniß, welche der Formen von Zeit und Raum beinahe zu spotten und uns über unsere irdische Mangelhaftigkeit und Beschränktheit zu erheben scheint? Und sollte man es für möglich halten dürfen, daß heutzutage noch gebildete Menschen existiren, welche von der Geschichte der Erde so viel wie Nichts wissen! Welche nicht wissen, wie alt die Erde und aus was sie entstanden ist! Welche nicht wissen, daß da, wo sie heute vielleicht zwischen Schnee und Eis ihren Weg suchen, einst prachtvolle Palmenwälder standen, in denen ungeheure Elephantenheerden und Riesenhirsche weideten! Welche endlich vielleicht keine Ahnung davon haben, daß sie selbst nur auf die dünnen Schaalen eines ungeheuren, nie verlöschenden, aus tausend Schloten emporrauchenden Feuerherdes ihre gebrechliche Existenz aufgebaut haben!

Genug hiervon! Wer auch nur die dürftigsten Andeutungen über dieses Thema vernommen hat und nicht ein ganzer Philister an Kopf und Herz ist, wird von der Begierde ergriffen werden, die Grundzüge dieser jüngern und interessanten Wissenschaft kennen zu lernen, und sich über Dinge zu unterrichten, deren Kenntniß beinahe aus einer überirdischen Welt zu stammen scheint. Dabei wird er sich überzeugen, daß diese Kenntniß, so erhaben und imponirend sie auch auf den ersten Anblick erscheint, doch nur auf den einfachsten und natürlichsten Wegen gewonnen wurde. Der hauptsächlichste und vornehmste dieser Wege besteht in der Kenntniß der sog. Versteinerungen, von denen ohne Zweifel jeder unserer Leser schon gehört oder gelesen hat.

Die Versteinerungen sind in Stein verwandelte Ueberreste oder Abdrücke organischer Wesen, welche einst die Erde bewohnt haben und nun aus dem Schooße derselben, in dem sie vergraben liegen, hervorgeholt werden, um unwiderlegliches Zeugniß für das einstmalige Dasein organischer Welten abzulegen. Es mag eigenthümlich und bezeichnend für das Wesen des menschlichen Geistes erscheinen, daß es so langer Zeit bedurfte, bis man daran dachte, diese merkwürdigen Naturfunde als das zu erkennen, was sie wirklich sind, d. h. als die wirklichen Reste großartiger untergegangener Pflanzen- und Thierschöpfungen. Bis vor nicht allzu langer Zeit hielt man die Versteinerungen, deren Dasein natürlich nicht

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verschiedene: Die Gartenlaube (1856). Ernst Keil, Leipzig 1856, Seite 120. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1856)_120.jpg&oldid=3495635 (Version vom 9.3.2019)