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Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1856)

hatte still in der Stube neben der Frau Barthel gelegen und geschlafen. Mit einem Mal – wahrscheinlich als das Pferd den Schmerzensschrei ausstieß – spitzte er die Ohren, horchte und stand auf. Dann ging er an die Thür, schnoberte und winselte. Da die Thür sich nicht öffnete, ging Hinko zur Frau, wedelte mit dem Schwanze, lief wieder an die Thür, kratzte an derselben und winselte. Der Hund deutete in ähnlicher, wenn auch nicht so dringender Weise, jedesmal die Ankunft Barthel’s an; die Frau glaubte also, ihr Mann sei in der Nähe und machte die Thür auf. Der Hund jagte sofort nach dem Walde hin, obgleich auf dem Wege dahin weder Barthel noch sonst Jemand zu sehen war.

Barthel seinerseits rang noch immer mit den Wölfen. Man sagt, die, welche in Todesgefahr wären, hätten keine Zeit an etwas Anderes, als an die Abwehr zu denken. Es ist nicht wahr; Barthel hat mir gestanden, daß er in jenen Augenblicken, als die grünen Augen der Wölfe ihn anstierten, als er die scharfen Zähne und Klauen an seinem Leibe fühlte, an seine Frau, an sein Kind gedacht und wie sie jammern würden, wenn man seine verstümmelten Ueberreste finde. Gerade diese Gedanken, sagt er, hätten ihm noch einmal Kraft gegeben, ihn veranlaßt noch einmal Alles aufzubieten, um den Arm frei zu machen. Er verzweifelte aber an dem Gelingen; die Besinnung wollte ihm bereits schwinden, da hörte er ein wüthendes Knurren und mitten hinein in den Knäuel, den er mit den beiden Wölfen bildete, stürzte ein anderes Thier. Die Wölfe ließen ab von dem Manne; Barthel konnte aufspringen und er erkannte den getreuen Hinko, über den nun die Bestien herfielen. Ihn konnte er unmöglich zerreißen lassen und er wankte hinzu, ihm beizustehen. Da sah er das Beil, das er früher verloren. Er raffte es auf und nun war er des Sieges gewiß. Zwar floß das Blut ihm an den Gliedern herunter, aber er konnte die Arme noch brauchen und mächtige Hiebe führte er mit dem Beile nach den Wölfen. Bald lag der Eine todt vor ihm und im nächsten Augenblick grub sich das Beil tief auch in den Hals der großen Bestie, die den treuen Hinko gepackt hatte.

Blutend wankte Barthel mit dem blutenden Hinko seinem nicht mehr fernen Hause zu. Die Frau schrie entsetzt laut auf als sie ihn eintreten sah. Sein Anblick war freilich grauenvoll genug. Sein Rock von Schaffell hing in Fetzen um ihn her, denn die Klauen der Wölfe hatten ihn wie Messer zerschnitten; die rechte Achsel war ganz bloßgelegt, nicht nur bis auf das Fleisch, sondern bis auf den Knochen und das lange Haar in blutige Stränge zusammengeklebt. Fast noch schlimmer war Hinko zugerichtet, aber in liebender Pflege erholten Beide sich bald wieder.“ –

Der alte Hinko, welcher während der Erzählung mehrmals mit dem Schweife gewedelt hatte, als verstehe er, daß von ihm die Rede fei und freue sich, daß man seinen Muth anerkenne, wurde von mancher schönen Hand gestreichelt, als die Erzählung geendigt war. Bald darauf brachen die Gäste auf, ich aber nahm mir vor, die Wolfsgeschichten niederzuschreiben für die Leser der Gartenlaube, zumal mein Freund mir als Andenken eine Skizze überließ, in welcher er, nach der Schilderung Barthel’s, den Kampf des Pferdes mit den Wölfen so getreu als möglich darzustellen versucht hatte.




John Charles Fremont.[1]
„Nominirter“ Präsident der Freimänner in den vereinigten Staaten.

In Nordamerika ist jetzt eine interessante Zeit. In allen Städten und Flecken, in allen Landgemeinden und in jedem Farmhause herrscht das regste politische Leben. Ueberall werden die großen Streitfragen des Landes discutirt und wird für die verschiedenen Parteien geworben; die Zeitungen liegen gegen einander zu Felde und in den Centralorten werden Volksversammlungen abgehalten, denn es gilt, sich für die große Schlacht zu rüsten, die im Herbst bei der Präsidentenwahl geschlagen werden soll und deren Ausfall bedeutungsvoller für die Zukunft Amerikas ist, als je.

Hie Buchanan, hie Fremont, hie Fillmore!“ schallt es durch das ganze Land, und jede der dadurch bezeichneten Parteien glaubt den Sieg davon tragen zu können. Die Einstimmigkeit, welche bei der vorläufigen Ernennung dieser drei Kandidaten geherrscht hat, zeigt bereits, wie concentrirt ihr Interesse ist, und wie scharf sie auf ihr Ziel hindrängen.

Wie sollte es aber auch anders sein? Ist doch die Geschichte in der jüngsten Zeit schon thätig gewesen, und hat Jedem, der sehen will, die Augen geöffnet über die Krisis, welcher Amerika entgegengeht, wenn es sich nicht dazu aufrafft, sie kräftig zu bestehen!

Der Bürgerkrieg in Kansas und die revolutionäre Nothwehr, zu welcher das Volk in Californien gezwungen wurde, hat allen ehrlichen Leuten, denen es um das zukünftige Wohl Amerika’s zu thun ist, gezeigt, daß sie die Hände nicht länger in den Schooß legen, sondern dazu helfen müssen, den ihnen drohenden Zustand abzuwehren. Die Demokratie des Südens hat den Gipfel ihrer Macht und ihres Uebermuths erreicht, und wenn es ihr jetzt gelingt, durch Kansas die Zahl der Sclavenstaaten zu vermehren, so ist der Norden in Gefahr, vollends unterjocht zu werden, und die Errungenschaften seiner Entwickelung in Frage gestellt zu sehen.

Es zeigt sich jetzt, wie unrecht der Norden daran gethan hat, dem Süden nachzugeben und sich zu enthalten, die Sclaverei als Prinzip anzugreifen. Der Süden hat ihm das Sclavenfanggesetz aufgedrängt, welches jeden freien Staat zum Schauplatz der nichtswürdigsten Sclavenhetzerei macht, welche die Humanität tödtet und die Bewohner Amerika’s zu der niedrigsten Stufe wilder Völkerstämme herabwürdigt. Die daraus erwachsene Rohheit greift jetzt auf das brutalste nach der Herrschaft, so daß sie sich selbst nicht schämt, im Senat von Washington mit Stockprügeln zu agiren, und unbewehrte Greise zu überfallen, weil sie gegen die Sclaverei gesprochen haben.

Dieselbe Rohheit streckt ihre Hand zur Eroberung des ganzen amerikanischen Kontinents aus, und will es dabei selbst auf einen Krieg mit Europa ankommen lassen, während sie im Innern die fremden Einwanderer von allen Staatsämtern auszuschließen und ihnen für die Duldung amerikanische Sitten und amerikanische Glaubensheuchelei aufzuzwingen trachtet.

Alles dies gehört zum Wesen der amerikanischen Demokratie. Mit der vollständigen Entfaltung desselben hat aber auch dessen Verleben begonnen. Dem Norden muß jetzt der Beruf zu Theil werden, den Süden zu überwinden. Selbst wenn es ihm auch jetzt noch nicht gelänge, den Sieg bei der Präsidentenwahl zu erringen, muß er ihm zu Theil werden, wenn er in seiner feindlichen Stellung beharrt und dasselbe Mittel der Drohung, die Union aufzulösen, anwendet, durch das bisher der Süden seine Zwecke durchsetzte.

Der Süden hat den großen Vortheil, einig zu sein, während der Norden gespalten ist. Selbst jetzt ist er es noch. Ein Theil desselben geht mit den Demokraten und obwohl die Whigs längst die Aussicht verloren haben, eine herrschende Partei zu bilden, klammern sie sich noch einmal an Fillmore an, der in ruhigeren Zeiten auf den Präsidentenstuhl gelangte, und suchen ihn mit Hülfe des Restes der als eigene Partei völlig zerstobenen Know-nothings (der exclusiven Amerikaner, die von nichts etwas wissen wollen, als von sich und ihren Rechten) emporzuheben. Daß sie nicht siegen können, steht bereits fest, denn alle energievollen Männer des Nordens haben sich der Partei zugewandt, die entschlossen sind, Amerika endlich zu einem wirklich republikanischen Lande zu machen, und ihm deshalb vor Allem die Grundfreiheit zu erkämpfen, deren es bedarf, um in sich frei zu werden.

Die Republikaner Nordamerikas sind die Vertreter der Neuzeit, und ihnen muß deshalb auch die Zukunft gehören. Die Demokraten des Südens haben ihre Staaten verwildern und entarten lassen, so daß Amerika in sich zu Grunde gehen müßte, wie einst Griechenland und das römische Reich an der Sclaverei


  1. Ein authentisches Portrait dieses jetzt so wichtigen Mannes, welches noch nicht in unsern Händen ist, liefern wir in einer der spätern Nummern.
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verschiedene: Die Gartenlaube (1856). Ernst Keil, Leipzig 1856, Seite 472. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1856)_472.jpg&oldid=3006185 (Version vom 9.5.2017)