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Hydraulische Presse.

welcher durch die Pumpen auf das Wasser wirkt und zwar ist die Verstärkung stets gleich dem Verhältniß der Quadrate der Durchmesser der drückenden Flächen zu einander. Z. B. der Kolben jener Pumpen, welche das Wasser eindrücken, habe 2 Zoll im Durchmesser und wirke mit einer Kraft von 500 Pfd., so wird, wenn der Stempel in der Presse 15 Zoll im Durchmesser ist, der durch ihn ausgeübte Druck gleich 28,125 Pfd. betragen, denn (2 x 2) 4 : (15 X 15) 225 = 500 Pfd. : H = 28,125 Pfd.

Beträgt nun auch in der Wirklichkeit der Druck stets etwas weniger, da die Reibung ihr Theil der Kraft beansprucht, so ist man doch dadurch in den Stand gesetzt, eine große Gewalt zu brauchen, so daß die Kuchen die Presse ziemlich trocken verlassen. Man benutzt diese Rückstände als Viehfutter, und zwar meist für Mästung, welche dann gewöhnlich einen bedeutenden Nebenzweig für die Zuckerfabriken bildet.

Man hat vielfach versucht, daPressen ganz zu umgehen, und den Saft auf bequemerem Wege durch die sogenannte Maceration zu gewinnen, wobei der Rübenbrei mit Wasser ausgelaugt wurde; nur wenigen Fabriken ist es indeß bis jetzt gelungen, auf diese Weise ein günstiges Resultat zu erzielen, viele sind zu den Pressen zurückgekehrt.

Der von den Pressen ablaufende Saft gelangt durch eine Rinne nach den Scheidepfannen, große kupferne Kessel von 6–800 Quart Inhalt, welche der Bequemlichkeit halber gewöhnlich tiefer als dir Pressen stehen. Hier wird der Saft zunächst auf 60–65° erwärmt und dann eine gewisse Menge Kalkbrei darunter gerührt und die Erhitzung bis zum Siedepunkte fortgesetzt. Dieser Kalkzusatz hat einen doppelten Zweck, denn erstlich werden dadurch die im Rübensafte enthaltenen Säuren abgestumpft und als unlösliche Kalksalze niedergeschlagen, dann aber bemächtigt sich der Kalk auch eines großen Theiles der schleimigen Bestandtheile und scheidet sie als Schaum und im Bodensatze ab. Nach einiger Ruhe wird die klare Flüssigkeit von Letzterem abgezogen und in die Verdampfpfannen gebracht, um hier bis zu einem gewissen Grade von Concentration eingekocht zu werden. Ist dieser erreicht, so leitet man den Saft in eine andere Pfanne, in welche eine eiserne Trommel als Gasometer eingehängt ist. Aus einem besonderen Apparate treibt man hier Kohlensäure in den Saft und bringt beide durch ein besonderes Rührwerk zu größerer Berührung. Die Kohlensäure verbindet sich hier mit dem im Safte noch gelösten Kalke zu kohlensauren Kalk, welcher als feines weißes Pulver zu Boden fällt. Der abermals abgelassene Saft kommt nun auf die Filter, große, bis 20 Fuß und darüber hohe Cylinder von 3 Fuß Durchmesser, welche mit verkohlten und gekörnten Knochen gefüllt sind.

Unter allen Kohlenarten besitzt nämlich die Knochenkohle am meisten die Eigenschaft, vegetabilische Farbstoffe, Schleim und verschiedene Salze aus ihren Lösungen auszuziehen und förmlich zu verschlucken, eine Eigenschaft, die sie ihrer bedeutenden Porosität zu verdanken hat.

In diesem Falle nun entzieht die Knochenkohle dem heiß durchlaufenden Safte den größten Theil seiner Farbe, sowie etwa noch vorhandenen Kalk und Schleim. Der Saft kommt vom Filter von Neuem in eine Vordampfpfanne, um noch weiter eingedickt zu werden und wenn der bestimmte Grad erreicht ist, abermals zu weiterer Reinigung auf ein neues Filter, worauf er den Namen Klärsel erhält und zum Versieden reif ist.

Die in den Filtern enthaltene Knochenkohle beladet sich nach jedesmaligem Gebrauch natürlich mit all’ den Unreinigkeiten, welche sie den Zuckersäften entzieht und würde nicht mehr zu benutzen sein, wenn die Chemie nicht Mittel gefunden, ihr dieselben wieder zu entziehen und ihre früheren Eigenschaften zurückzugeben, welche Operation man die „Wiederbelebung“ nennt. Sehr verdünnte Salzsäure löst nämlich den aufgenommenen Kalk; eine Art Gährung, welcher man die Kohle unterwirft, zerstört die aufgenommenen organischen Stoffe und nach tüchtigem Waschen mit reinem Wasser, Durchtreiben von Wasserdampf und Wiederabtrocknen, glüht man die Kohle in verschlossenen eisernen Cylindern aus, worauf sie wie frischgebrannte Knochen von Neuem zu gebrauchen ist.

Das Versieden des Klärsels geschieht jetzt ziemlich allgemein in sogenannten Vacuumpfannen, während man früher sich auch hierzu freier Feuerungen bediente. Die Einrichtung dieser „Apparate“ wie sie auch oft blos genannt werden, beruht auf dem Erfahrungssatze, daß der Siedepunkt der Flüssigkeiten um so niedriger ist, ein je geringerer Druck auf ihnen lastet; es siedet z. B. reines Wasser am Meeresspiegel bei einer Temperatur von 100° C.; auf dem Gipfel des Montblanc, wo natürlich der Druck der darüber liegenden Luftschichten weit geringer ist, bedarf es dazu nur 84° C. Das Klärsel, eine viel dickere Flüssigkeit als das Wasser, hat auch schon darum einen höheren Siedepunkt, der mit fortschreitender Concentration so sehr steigt, daß davon bedeutende Nachtheile für den Zuckersaft entstehen würden. Um also den Siedepunkt möglichst herabzudrücken, benutzt man die Vacuumpfannen, d. h. verschlossene Kochpfannen mit einer Vorrichtung zur Verdünnung der Lust und zur Fortschaffung, der entwickelten Dämpfe. Die Kochapparate a sind sich im Wesentlichen Alle gleich und besitzen außer den nöthigen Dampfheizröhren h, und i, die im Innern schneckenförmig gewunden im Safte liegen, zwei Rohre oder Ventile zum Zu- und Ablassen des Saftes f und g, zwei sich gegenüber befindliche Glasplatten b zur Beobachtung der kochenden Masse, einen Hahn o zum Zulassen von Luft oder Butter, wenn ein zu stürmisches Kochen dies nöthig machen sollte, ein


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Vacuumapparat.

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1856). Ernst Keil, Leipzig 1856, Seite 596. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1856)_596.jpg&oldid=2961151 (Version vom 6.12.2016)