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verschiedene: Die Gartenlaube (1861)

aller Bitten und Beschwörungen des reuigen Wirths führte Bädeker aus, was er gesagt hatte, und in der einen Auflage fehlte das Sternchen. Nach Verlauf der neuen Reisesaison erhielt Bädeker einen äußerst kläglichen Brief von jenem Hotelbesitzer, der unter Anderm schrieb: „Der mir durch Auslassung meines Sternes in Ihrem Buche erwachsene Schaden war zu groß, als daß ich mir ein Vergehen gegen Reisende von Neuem sollte zu schulden kommen lassen, ich bitte also mein Haus wieder anzuführen wie sonst, und füge beifolgende Zeugnisse bei.“ Erst nachdem der gewissenhafte Bädeker sich durch Aussage zuverlässiger Freunde überzeugt hatte, daß jener Wirth in der That gründlich sich gebessert, erfüllte er den Wunsch desselben, doch nicht ohne ihn noch einmal brieflich mit allem Ernst zu ermahnen.

Sein gutes Herz bethätigte er unter Andern in einer Weise, die der Mittheilung werth ist. Wir wissen, daß er Lieutenant bei der Landwehr war. Er kam seinen Pflichten als solcher stets mit der gewissenhaftesten Pflichttreue nach, es entging ihm dabei aber auch während der alljährlichen vierzehntägigen Uebungen nicht, ein wie trauriges Gesicht mancher der einberufenen Landwehrmänner machte,und wie manche Thräne heimlich der und jener Familienvater vergoß, der seine Familie in Noth hatte verlassen müssen. Als später gar häufig Mobilmachungen eintraten, veranlaßte ihn sein Mitleid zu einer Stiftung für arme Frauen seines Landwehrbezirks. Er setzte ein Capital von 1000 Thlr. aus, von dessen Zinsen solche arme Frauen unterstützt werden sollten, und meldete dies dem Kriegsministerium in Berlin. Kaum aber war das Schreiben abgegangen, als ihm einfiel, man könne „oben“ aus der Stiftung wohl gar Veranlassung nehmen, ihn mit einem Orden oder dergleichen für seine That belohnen zu wollen. Er sandte deshalb sofort ein zweites Schreiben des Inhalts nach, daß er nicht nur jede etwaige Belohnung ablehnen, sondern sogar seine Stiftung zurückziehen würde, wenn man ihn etwa zu einem Orden und dergleichen vorschlage.

Die Mobilmachung im Jahre 1859, die seine Söhne zum Dienst berief, machte es ihm zum ersten Male unmöglich, seine gewohnte Inspektionsreise zu unternehmen; er hoffte zwar sie noch im Herbst nachholen zu können, aber auch diese Hoffnung täuschte ihn, denn statt seiner gewöhnlichen Wanderung mußte er „die große Reise in das unbekannte Land“ antreten. Er erkrankte, aber muthig und unerschrocken, wie er stets im Leben gewesen, sah er dem Tode entgegen. Mit seiner gewohnten Klarheit und Umsicht benutzte er die schmerzlosen Zwischenzeiten seiner Krankheit (Brustkrämpfe), um sein Haus zu bestellen und namentlich auch Anordnungen zu treffen, damit seine Reisehandbücher auch nach seinem Tode in ihrer Zuverlässigkeit sich erhielten. „Die ganze Stadt Coblenz erschrak, als sie von seinem Tode hörte,“ sagte der Pfarrer in seiner Gedächtnißrede. Ein anderes Beispiel von der Theilnahme, die er in allen Kreisen fand, ist folgendes: Als es mit seiner Krankheit schlimmer und schlimmer geworden war, erschien ein Officier von sehr hohem Rang, unter welchem er vor mehr als 40 Jahren als freiwilliger Jäger gedient hatte, jeden Morgen zur bestimmten Stunde in dem Buchladen und frug mit soldatischer Kürze: „wie geht’s?“ Als er am letzten Morgen (4. October 1859) ebenfalls kam, um sich zu erkundigen, und man ihm auf seine gewöhnliche Frage antwortete: „heut früh ist er gestorben,“ rief der Mann erschrocken aus: „gestorben?“ eilte durch das Haus die Treppe hinauf in das Sterbezimmer, legte hier die Hand auf die kalte Stirn des Entschlafenen und sprach mit tiefem Athemzuge: „alter Schütze, braver Mann, leb wohl!“

Ja, ein braver Mann war Karl Bädeker, ein Mann, dem stets sein einfaches Wort soviel galt als ein Eidschwur, ein Mann mit felsenfesten Grundsätzen, aber mit weichem Herzen und freigebiger Hand; ein echter Bürger, dem das Wohl Aller jeder Zeit höher stand als das eigene Behagen, und der viel von seiner ihm karg zugemessenen Zeit den öffentlichen Angelegenheiten seiner Heimathsstadt widmete; ein deutscher Patriot, dem das Wohl und die Ehre des Vaterlandes über Alles ging und der ihm jedes Opfer zu bringen bereit war. „Nur von Frömmigkeit und vom Bekenntniß hat er nie viel, schier zu wenig gesprochen,“ hieß es in der schon erwähnten Gedächtnißrede des Geistlichen, und in Bezug auf diese Aeußerung findet sich in der „Hundsrücker Chronik“ die Erläuterung: „Bädeker war allerdings von jenen Naturen eine, welche, in tiefem Abscheu vor der Afterfrömmigkeit oder auch, vor dem Geräusch und Gebehrdenspiel des Glaubens, ihren Glauben als das wesentlichste Eigenthum und höchste Gut mit großer Scheu im Herzen hüten, ja mit jungfräulichem Schleier vor fremden Augen verschließen. Nur mit den Vertrautesten redete er davon in geweihten Stunden.“

Die Trauer um den Tod des verdienten Mannes hallte wieder durch ganz Deutschland, und im Stillen freuete sich darüber höchstens ein Gastwirth, vor dessen Hause Bädeker die Reisenden gewarnt. Als charakteristisch aber ist noch beizufügen, daß dem langen Zuge der Leidtragenden, der sich am 7. October 1859 durch Coblenz bewegte, als Repräsentant der großen Zunft der dankbaren Reisenden, um welche der Verstorbene sich so hochverdient gemacht hatte, ein fremder Tourist im Reiseanzug sich anschloß und in der Hand das rothe Buch trug, wie bei andern Begräbnissen Einer wohl die Orden des Verstorbenen trägt.

D. 




Der elektromagnetische Telegraph.

Nr. 1.

Die Leser der Gartenlaube wurden im 4. Monatshefte vorigen Jahrganges (s. Blätter und Blüthen S. 255) mit den großen Riesenprojecten einer den ganzen Erdkreis umfassenden telegraphischen Verbindung bekannt gemacht, und die Meisten dürften dabei den Wunsch geäußert haben, auch mit den Maschinen und Vorrichtungen vertraut zu werden, durch welche der menschliche Geist die geheimsten Naturkräfte, deren inneres Wesen ihm noch verschlossen ist, zwingt, die ihnen vorgezeichneten Wege zu durchlaufen und ihre Wirkungsweise zu offenbaren. Nicht minder wichtig ist es für jeden Denkenden zu erfahren, wie endlich die große Aufgabe gelöst wurde, den schnellsten Boten, den die Erde, den das ganze Weltall hat, zur Gedankenmittheilung nach weit entfernten Orten zu benützen. Die Welt hat keinen schnelleren Boten mehr als die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des elektrischen Stromes, denn sie ist noch viel größer als die des Lichtes, welche 40,000 geographische Meilen per Secunde beträgt, während sich der elektrische Strom mit einer Geschwindigkeit von 63,000, nach neueren Messungen von 67,000 geogr. Meilen in der Secunde fortbewegt, also augenblicklich ist.

Wenn wir es nun versuchen, den Leser mit diesen Maschinen und Vorrichtungen bekannt zu machen, so ist damit nicht der Mann der Wissenschaften, nicht der Fach- und Sachkenner gemeint, sondern jener große Kreis intelligenter Menschen, der von Wißbegierde durchdrungen nach vielseitiger Entwickelung des eigenen Geistes strebt, und dem es nicht genügt, nur manchmal die Wunder der Wissenschaft anzustaunen und neugierig zu betrachten, ohne sich die geringe Mühe nehmen zu wollen, näher in dieselben einzudringen. Jener Kreis der Leser ist damit gemeint, welcher nicht in der Lage ist, sich die hierüber vollständig Aufschluß gebenden werthvollen und theueren Bücher anschaffen zu können, und dem es, selbst wenn er im Besitze derselben ist, an Zeit und Muße gebricht, sie gründlich durchzunehmen und zu studiren. Wenn es uns gelingen sollte, diese Leser mit den Gesetzen, den Einrichtungen und Maschinen des elektromagnetischen Telegraphen soweit vertraut zu machen, um sich und Anderen wieder Aufschluß ertheilen zu können, dann ist unser Zweck und unsere Absicht vollkommen erreicht.

Der elektromagnetische Telegraph ist in all seinen Theilen, und deren sind es besonders drei, nämlich:

1) die den elektrischen Strom erzeugenden Apparate, Batterien genannt;
2) die eigentlichen Vorrichtungen und Maschinen, durch welche derselbe gezwungen wird, die ihm vorgezeichneten Wege zu durchlaufen und auf diese oder jene Art seine Wirkung zu äußern, und
3) die Drahtleitung;

höchst interessant, und fortwährend bietet ein jeder derselben neu zu lösende Aufgaben und neue Erscheinungen dar, wodurch immer wieder neue Erfindungen, sowie Verbesserungen und Vervollkommnungen

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verschiedene: Die Gartenlaube (1861). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1861, Seite 55. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1861)_055.jpg&oldid=- (Version vom 14.9.2022)