Seite:Die Gartenlaube (1861) 688.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
verschiedene: Die Gartenlaube (1861)

arm sind, vielleicht sehr arm – was schadet es? denn die Glimmbach zu Hohenklingen sind desto reicher von Gott mit Glücksgütern gesegnet …“

Cosimus wandte bei diesen Worten sein Gesicht zu, und Aglaë schlug die Augen nieder; dann, als sie den Blick ihres Vaters stumm auf sich ruhen fühlte, verbarg sie ihr Antlitz an seiner Schulter.

„Was hast Du vor? was willst Du mir damit sagen?“ fragte Cosimus endlich. „Denkst Du …“

Sie unterbrach ihn.

„Weißt Du ein anderes Mittel, ihn zu befreien, ein anderes, um den Schlüssel in Deine Hände zu bekommen, der auch Deines Sohnes Kerker öffnet?“

„Und Du wolltest deshalb …“

„Vater, es ist kein Opfer, das ich bringen will … ich liebe ihn!“

Cosimus sprang auf. Er schritt unruhig auf und ab.

„Du hast Recht,“ sagte er dann. „Meinen Schwiegersohn werden sie schon herausgeben, diese zähen, frechen Dütendreher!" Sie müssen, oder …“ er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort: „Ich habe einen trefflichen Gedanken, Aglaë, um sie zu zwingen – vortrefflich, Du sollst es sehen! Und was den jungen Mann angeht, so kann mir ein Werdenfels zum Eidam so lieb sein, wie ein Anderer; er wird der Mann sein, auf die Gelegenheit zu achten, es diesen Stiftischen und diesen Städtern heimzuzahlen, was sie an mir gethan haben in allen diesen Tagen … ich will’s überlegen, Aglaë, ich will’s bedenken, Kind.“

Und damit verließ Cosimus das Wohnzimmer seiner tief bewegten Tochter und schritt seinen eigenen Gemächern zu, um sofort die zwei angesehensten und erprobtesten seiner Beamten zu sich zu bescheiden.


(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen



Ein chinesisches Heimchengefecht. Wagen und Wetten ist eine der menschlichen Leidenschaften erster Classe, die bei den verschiedenen Nationen in den mannigfaltigsten Formen auftritt, als Lotterie- und Hasardspiel, als Wettrennen, Hahnen- und Stiergefecht, Wetten um so und so viel Flaschen Champagner oder bescheidene „Seidel“ oder „Töpfchen“ Bier. Nirgends aber wird die Glücksgöttin oder das Vertrauen auf eigene Meinung in so seltsamen Formen versucht, als bei den Chinesen. Wir erinnern nur an die Wettkämpfe mit Wachteln und mit Heimchen oder Grillen.

Von einem solchen populären, aber polizeilich verbotenen Kampfe letzterer giebt ein Engländer aus eigenem Erlebniß folgende Schilderung: Von Whang geführt, der mit seinem langen Zopfe und schwarzgrauer Kleidung wie eine große Schildkröte aussah, schritten wir gegen Abend durch die Straßen von Canton, um einmal eine der Tausende von heimlichen Spielhöllen persönlich kennen zu lernen. Endlich kamen wir vor einer dunkeln, niedrigen Thür an, in die wir uns hinter dem Zopfe unsers Führers hereinzwängten. Wir befanden uns in einem kleinen, stickigen Raume, dessen obere Hälfte fast ganz von regimentstrommelgroßen Papierlaternen ausgefüllt war „Tseng tau ki!“ schrie unser Führer, was bei uns heißen würde: „Platz gemacht!“ Aber wir protestirten gegen diese Auszeichnung und erklärten, daß wir blos als bescheidene Zuschauer gekommen wären.

In der Mitte des Raumes stand ein runder Tisch mit reich gezierten Rändern von geschnitztem Elfenbein, in dessen Mitte ein großer Porcellannapf delicat weiß und fein roth geädert. Um Tisch und Napf standen etwa fünfzehn chinesische Herren der besseren Classen, alle sehr erwartungsvoll und aufgeregt. Am Tische, einander gegenüber, befanden sich die beiden Secundanten der erwarteten Wettkämpfer. Man schrie nun, daß es losgehen solle. Sofort erschienen zwei Herren, jeder mit einem köstlichen Elfenbeinkästchen, mit goldenem, feinem Gitterchen oben, in der Hand, und ließen zwei große Heimchen in den Porcellannapf springen. Heimchen werden von gewissen Künstlern zu solchen Wettkämpfen ordentlich gezogen und dressirt, wie in London Hähne. Sie sahen ganz dunkel aus und hatten lange Beine mit auffallend starken Oberbeinen. Ungemein dick, wohlgenährt und lebhaft, glotzend mit starren Augen aus ihren dicken Ochsenköpfen, machten sie trotz ihrer insectarischen Winzigkeit einen nicht geringen, schauerlichen Eindruck, zumal mit ihren stark arbeitenden Kneipzangen von Fängen. So wie sie in dem glatten, gewölbten Porcellannapfe hinunter glitten und gegen einander stießen, machten sie ein scharf knisterndes Geräusch und zogen sich sofort von einander zurück wie zum Ausholen und mit drohenden Gesticulationen, worüber die Gesellschaft sofort in entzückten Beifall ausbrach. Aber ungeduldig über deren Vorbereitungen, schrieen sie den Secundanten zu, sie zu hetzen. Diese gingen also an die Arbeit, Jeder mit einem Strohhalm bewaffnet, womit die Thierchen so geschickt gereizt wurden, daß sie offenbar dachten, eins packe, zerre, zupfe und stoße das andere. Sie bäumten sich auf ihren Hinterbeinen und tanzten und bissen und rangen mit ihren Vorderfüßen und zogen und kratzten und rissen und kollerten und wälzten sich übereinander und sprangen aus und ab, hin und her, rück- und vorwärts und rutschten und glitten und bluteten und schäumten am Munde, bis Haut und Fußstückchen sich lösten und noch lebenzitternd auf dem Boden des Napfes umher zerstreut lagen.

Die Zuschauer waren jetzt aufgeregt bis zum Wahnsinn und sprangen umher und rutschten und zogen und zerrten und kratzten und schrieen und kreischten und glotzten mit großen, perlartig glitzernden Augen.

Sie wetteten um „Fliegenkuchen“, Kuchen, in welche, statt der Rosinen, Fliegen hineingebacken sind - eine sehr beliebte Delikatesse des himmlischen Reichs, die man sich auch bei uns im Juli und August wohlfeil verschaffen könnte, wenn wir gewohnt wären, von unseren Stubenfliegen einen besseren Gebrauch zu machen. Hier in der Wettstube war der Fliegenkuchen freilich, blos ein Vorwand, um die verbotenen Geldwetten dahinter zu verbergen.

Ich gestehe, daß ich selbst so thöricht war, mich aufregen zu lassen und zu wetten und zwar mehrmals um mehr als zehn Fliegenkuchen. worunter man stillschweigend Dollars verstand. Mein Landsmann und Freund hatte die Vorsicht, alle meine Wetten zu decken, d. h. auf der entgegengesetzten Seite just ebenso viel zu wetten, so daß bei Ausgleichung derselben der Eine gewinnen mußte, was der Andere verloren. Wir glaubten sehr pfiffig zu sein, aber die Chinesen zeigten sich doch überlegen. Meine Wetten waren bis hundert Dollars gestiegen, zu derselben Höhe war mein Freund mit den Chinesen gegangen, die auf das andere Heimchen wetteten.

Ich war ganz sicher, welches gewinnen mußte, denn das eine hatte schon keine Spur von Flügeln mehr und kaum noch ein Bein heil und ganz, während das andere mit noch einem ganzen Flügel und drei starken Fußstumpfen versehen war. So wie ich aber die letzten Zehn zum Hundert gewettet hatte, biß mein bis zu einem Stumpf von Körper zerrissener Gegner meinem Heimchen mit einem Male total und radical den Kopf ab. Da lag der todte Held mit abgebissenem Kopfe, dessen Fänge noch ohnmächtig am Boden schnappten und bissen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie’s möglich sein konnte. Es war Alles ganz natürlich zugegangen, und ganz barbarisch, füg’ ich hinzu, aber wie? Konnte ein unsichtbarer Langzopf mit einer unsichtbaren Pincette im Spiele gewesen sein?

Doch es half nichts; ich mußte meine hundert Thaler zahlen und that es in dem frohen Gefühl, daß sie mein Freund wieder für mich eincassiren werde, da sein Heimchen gewonnen. Während er nun lachend umherging und Anstalt machte, seine Gewinne einzutreiben, stürzte plötzlich ein Chinese herein, blaß wie Asche, athemlos und stotternd, daß drei Mandarinen mit Soldaten auf das Haus zu marschirten. Im Nu waren die Laternen heruntergerissen und ausgelöscht, der Porcellannapf zertrümmert und alle Anwesende durch die enge, niedrige Thür gequetscht und entstoben. Wir tappten unter krachenden Porcellanscherben im Dunkeln umher, bis wir durch das Gedränge und Gequetsche der Letzten mit nach außen auf die Straße gedrängt wurden. Hier fiel mein Freund mit dem Kopfe in eine zerbrochene Papierlaterne und ich über ihn. Wir mußten lachen trotz dieser demüthigenden, doppelten Niederlage. Die Chinesen hatten sich mit meinen hundert Dollars im Dunkeln aus dem Staube gemacht. Von einem Mandarin und Soldaten war keine Spur zu entdecken. Wir waren „gemacht“.



Kleiner Briefkasten

Fr. K. in Wien. Gedichte nicht angenommen, Prosa erwarten wir.

E. S. in Berlin. Verworfen.

Fr. in Osn. Die Gartenlaube hat bereits mehrere derartige Biographien gebracht.

E. M. R. in Wernigerode. Das mehrfach in der Erzählung „Ein Deutscher“ von Otto Ruppius erwähnte Lied: „Zieh’n die lieben goldnen Sterne“ ist von Proch für Stimme, Cello und Piano componirt und unter dem Titel „Schweizer Heimweh“ bekannt. Es ist bei Haslinger in Wien erschienen und später als Thema zu einem Concertstück für Violine benutzt worden. – Obengenannte Ruppius’sche Erzählung ist übrigens vor einigen Tagen in einer billigen Separatausgabe erschienen.

D. in H. (Niederschlesien). Wir hoffen Ihren Wunsch nächstens erfüllen zu können.

F. in H. Viel Schönes darin, verehrte Frau, aber doch nicht zum Abdruck geeignet.

F. in M. Nicht zu benutzen.

A. in Hagen. Haben weder Brief empfangen, noch können irgendwie Rath in der beregten Angelegenheit ertheilen.

Fräul. M. I. in Nürnberg. Besten Dank für Ihre Anerkennung: unsere Bescheidenheit verbietet uns jedoch, Ihr Gedicht abzudrucken. A. B. erwidert Ihre freundlichen Zeilen mit den aufrichtigsten und unvergänglichen Gefühlen des Dankes für alle die lieben Nürnberger, die aus 6000 Sängern in jenen herrlichen Tagen eben so viel begeisterte Verehrer für ihre ehrwürdige Stadt, diese Perle des deutschen Vaterlandes, zu machen wußten.

W. in Wien. Ganz richtig. Den dreibändigen Roman „Metternich und Kossuth“, noch vor kurzem in Oesterreich verboten, können Sie jetzt durch jede Buchhandlung für den billigen Preis von 1 Thaler beziehen. Er enthält sehr interessante Episoden aus dem Leben beider Männer.

R. K. in G. Es ist nicht unsere Sache in dergleichen Dinge einzugreifen. Hat sich Ihr Oberprediger den Orden wirklich nur durch seine „Heuchelei“, wie Sie es nennen, erkauft, so wird der Segen eines solchen „Geschäfts“ nicht ausbleiben. Es paßt dann auf diesen Herrn auch das Distichon, das L. Storch bei ähnlicher Gelegenheit sehr glücklich improvisirte:

Wie hoch muß Dich das Kreuz beglücken!
War’s doch auch Christi höchste Lust!
Er trug’s gottfreudig auf dem Rücken,
Du trägst’s demüthig auf der Brust.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1861). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1861, Seite 688. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1861)_688.jpg&oldid=- (Version vom 9.11.2022)