Seite:Die Gartenlaube (1864) 799.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1864)

beispiellos in den Annalen weiblicher Abenteuerer, sind vollständig in diesem Werke dargestellt, welches von der Verfasserin zu erhalten ist, die bald diese Karte abverlangen wird.“ Dann kam wieder mit fetter Schrift gedruckt: „Verkauft von der Verfasserin für den Preis von fünfundzwanzig Cents“ und darunter in Petit-Schrift hinter einer Hand: „Bitte, bewahren Sie die Karte, bis sie abverlangt wird.“ Man sollte also gefälligst die Karte aufbewahren, bis die beblaustrumpfte Verfasserin dieselbe abforderte.

Besagte Kartenabforderung ließ auch nicht lange auf sich warten, denn kaum hatte ich die erfinderische Ankündigung durchflogen, so präsentirte sich in unserem Wagen eine ziemlich phantastisch gekleidete, nicht hübsch, nicht häßlich zu nennende und weder zu jung noch zu alt erscheinende „Lady“, was bekanntlich alle Amerikanerinnen sein wollen, deren Gesichtszüge jene verschmitzte Einfalt oder dreiste Geradheit ausdrückten, die dem Yankeecharakter eigenthümlich ist. Miß Burnham reichte mir eine in rosafarbenen Umschlag geheftete Broschüre ungefähr wie eine Sache dar, die sich nur von der Hand weisen läßt, wenn man völlig darüber hinweg ist, was die Nachbarn von uns denken; ob sie uns für einen „Gentleman“ halten oder nicht; ob wir für einen Knauser, armen Schelm und dergleichen angesehen werden, oder für freigebig, galant, bemittelt u. s. w. Ist man vollends in gewissen verhängnißvollen Jahren, werden die Kopfhaare überhandnehmend grau, dann bleibt uns vollends nichts übrig, als freigebig zu erscheinen, wenn es irgend möglich ist, denn wir können dann eben nicht mehr mit der Jugend bezahlen, die es allenfalls verzeihlich macht, daß man knapp an Gelde ist. Von den Umständen eines deutschen Schriftstellers in Amerika hat nur dessen nächster Bekanntenkreis eine annähernd richtige Vorstellung, und mir war ungefähr so zu Muthe wie in meiner Jugendzeit, wenn der Klingelbeutel in der Kirche herumgetragen wurde und ich aus ärmlicher Tasche den Säckel der Geistlichkeit füllen helfen sollte. Ich zinste also mit Gedankensäure vermischt die fünfundzwanzig Cents für sechzig gedruckte Seiten in groß Octav, obgleich mir einleuchtete, es sei viel zu viel weißes Papier durch den Druck hier verdorben worden. Wer in fremden Ländern reist, muß nun einmal auf Anzapfungen gefaßt sein, und es bleibt immerhin vorzüglicher, wenn es durch Mitglieder des schönen Geschlechts geschieht, als wenn ein Buschklepper unter dem rohen Rufe: „Den Beutel oder das Leben!“ uns die Pistole auf die Brust setzt. Uebrigens muß ich der Miß Burnham alle Gerechtigkeit widerfahren lassen; sie begnügte sich damit, mir nur die Ankündigung eines zweiten ihrer geistreichen Werke zu überreichen, anstatt dieses selbst zu präsentiren. Für nur einen Schilling wurde da sehr Merkwürdiges geboten, unter der bescheidenen, lakonischen Ueberschrift: „Reich, genial und selten. Die Geheimnisse von Fort Hamilton, geschrieben von Miß A. A. Burnham, während ihrer Passage am Bord des Dampfers Chingarora.“

Bei einer andern Reisegelegenheit empfing ich aus der Hand eines schwarzgekleideten Herrn mit weißer Halsbinde ein Circular folgenden Inhalts: „Das Closet, oder die Morgen- & Abendgebetstunde. Jede Seite mit einem neuen Thema beginnend. Vom ehrwürdigen David Sly.“ Mir fiel hier das angebrachte kaufmännische & zuerst auf und machte mich Wissensfreundlichen stutzig; denn der Verdacht einer beabsichtigten Speculation auf Kopfumnebelung und Taschenerleichterung drängte sich mir unwillkürlich auf. Zudem hatte der Name Sly sein etymologisch Bedenkliches, und so erkundigte ich mich denn beim Conducteur näher über den Austheiler des Circulars, wodurch herauskam, daß es der ehrwürdige Verfasser in eigner Person sei, mithin an keine Mystifikation zu denken wäre. Durch meinen Kopf war gefahren, was Flügel in seinem Wörterbuch Erklärendes über „sly“ sagt, das mit: schlau, verschlagen, listig und sogar hinterlistig verdeutscht wird.

Getröstet durch des Conducteurs Bescheid, las ich im „Circular“ weiter: „Eine Appellation an das reisende Publicum,“ die in deutscher Übersetzung folgendermaßen lautete: „Menschen und Brüder, unsere beste Vertheidigung dieser Appellation ist: 1) Zum Besten einer andern Art von Lectüre, als die gewöhnlich auf unsern öffentlichen Durchfahrten (längern Reisen) umlaufende. 2) Während die Tendenz des Lesens von Romanen und Novellen auf Faulheit und Unkeuschheit hinausläuft, führt die Closet-Lectüre zur Tugend, zum Fleiß, Glück und Himmel. 3) Weil Closet-Andacht göttlicher Anordnung ist und den Keim zur ersichtlichen Gottesverehrung enthält. 4) Weil alle wahren Wiedererweckungen im Closet beginnen. Kurzum, es ist, um im Wesen dies süße System christlicher Thätigkeit in Hoffnung zu erwecken, besonders zur Sicherung der Generalausgießung des heiligen Geistes auf alles Volk, daß alle reisenden Bürger achtungsvoll eingeladen werden, ein Exemplar vom Closet zu nehmen und dadurch das Werk in ihren respectiven Familien und Kirchen einzuführen. Preis 121/2 Cents. Bitte, dies Circular zu behalten, bis es abgefordert wird.“

Mag man deshalb über mich noch so schlimm urtheilen, ich muß dennoch gestehen, daß von mir das „Closet“ nicht gekauft wurde und ich beim Erscheinen des Klingelbeutelträgers Sly den moralischen Muth hatte, mit dem Kopfe zu schütteln, was mir gegen Miß Burnham nicht gelang. Der ehrwürdige Eisenbahn-Buchhändler machte ersichtlich keine guten Geschäfte, vielleicht weil es in den Wagen unseres Zuges an entsprechenden Closets gänzlich mangelte und nur in etlichen derselben Water-Closets vorhanden waren, deren Frequenz zum Ueberfluß Closet-Einsamkeit ausschloß. Vielen Spaß machte es mir, der Unterhaltung zuzuhören, die ein unfern von mir sitzender alter Yankee mit dem ehrwürdigen Sly pflog und welche am Ende mit der runden Erklärung schloß: „Ich gehöre zu einer Gesellschaft, die sich Verbreitung von Wahrheit und Aufklärung zur Aufgabe gemacht hat. Wir sind übereingekommen, den Dunkelmännern allerwärts entschieden entgegenzutreten, weil sie unsere Republik in’s Verderben bringen können.“

Lokia. 




Blätter und Blüthen.

Die Blumenmalerin von Altona. In Altona war es und im Jahre 1794. In einem bescheidenen Zimmer, mit der Aussicht auf die Elbe, saß eine Frau mittleren Alters und malte bunte Blumen auf ein vor ihr liegendes Blatt Papier. „Nicht zu fleißig,“ sagte ein stattlicher Herr, der neben ihr stand, Herr Wengraf, der Besitzer einer Altonaer Kattunfabrik, „und unterdrücken Sie das Heimweh.“ Darauf ging er. Madame Felicie aber, so nannte man unsere emsige Blumenmalerin, sank in einen Stuhl und dachte an Frankreich, ihre Heimath, an Paris, an Versailles, und ihr Herz bebte vor Schmerz. Sie war eine Emigrantin, die, wie so viele ihrer Landsleute, die Revolution aus Frankreich vertrieben hatte.

Arm war sie nach Altona gekommen. Hier wollte sie unter dem Namen „Madame Felicie“ leben und sich mit der Blumenmalerei für Wengraf’s Kattunfabrik ihren Unterhalt erwerben. Ihren wahren Namen zu nennen, verbot ihr der Stolz der Aristokratin, denn auch sie gehörte dem alten französischen Adel an; nicht einmal ihre Landsleute, deren sich gegen vierzigtausend in und um Hamburg aufhielten, sollten von ihr erfahren; arbeiten wollte sie und in der Einsamkeit auf glücklichere Tage hoffen.

Wacker ertrug sie ihr Geschick; hätte sie nur ihre Harfe nicht zurücklassen müssen, das Instrument, das sie mit Meisterschaft spielte, wie zu ihrer Zeit kaum Jemand sonst! Während des Sonnenscheins half die Arbeit wohl über Alles fort, aber mit den langen, trüben Abenden stellten sich auch die trüben Gedanken ein und immer größer wurde die Sehnsucht nach der Harfe. Sie war ein Geschenk des Königs Ludwig’s des Sechzehnten gewesen, der gar oft ihrem Spiele in Bewunderung gelauscht hatte. Diese Tage konnte Felicie nicht vergessen. Je öfter sie daran zurückdachte, je mächtiger wuchs ihr Verlangen nach dem Instrumente. So stand sie manchen Abend trauernd am Fenster, auch heute wieder – da plötzlich bebte sie zusammen und schrie vor freudiger Ueberraschung laut aus, denn im Hause gegenüber ertönte Harfenspiel. Sie vergaß, daß sie in Altona unbekannt bleiben wollte; sie warf ein Tuch über die Schultern und eilte hinüber.

Am nächsten Tage sehen wir einen Mann nach Hamburg wandern. Es ist Portales, der frühere Secretair des früheren Ministers Dumouriez. Er pflegte sein Mittagsmahl bei einer Wittwe zu nehmen, deren Tochter ein wenig auf der Harfe zu klimpern verstand. Das waren die Leute, zu denen Felicie in’s Zimmer stürzte. Sie spielte dort stundenlang; den Hörern drängten sich Thränen in die Augen. Portales erkannte schon an der Spräche die Landsmännin, die wieder forteilte, ohne ihren wahren Namen zu nennen, aber er rief aus: „So kann nur eine Dame Frankreichs, nur die Gräfin von Genlis kann so spielen. Stets war es mein Wunsch, sie auf der Harfe zu hören; ach, nur Denen jedoch, welche die Tuilerien und Versailles betreten durften, ward diese Gunst zu Theil. Aber ganz Frankreich liebt die Gräfin ob ihrer Kunst. Morgen gehe ich zu Dumouriez. Ihm ist es ein Leichtes, Licht zu bringen in das geheimnißvolle Dunkel, mit dem sich die sogenannte Madame Felicie umgiebt. Es wäre eine Schande für jedes französische Herz, wenn sich die Gräfin durch geisttödtende Handarbeit kümmerlich durch das Leben schlagen, wenn sie gar darben müßte!“

Und Portales kam zu Dumouriez – und Dumouriez kam zu Georg Sieveking, dem Rothschild Hamburgs, dem Freund der hervorragendsten Emigranten. Beaumarchais, der Dichter des „Figaro“, General Valence, die Gräfinnen Rochefoucauld, Choiseul und Vergennes waren seine täglichen

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1864). Ernst Keil’s Nachfolger, Leipzig 1864, Seite 799. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1864)_799.jpg&oldid=3277799 (Version vom 31.7.2018)